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"KREUZWEG DER KINDER VON SARAJEWO 1993"

entstanden 1993 in Regensburg. Ein 5-teiliger Fries mit einer Gesamtlänge von 7,50 m und einer Höhe von 0,60 m. Kaseintempera auf verleimten Bütten hinter geschliffenem Edelstahl.

 

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Spätherbst 1990, "Cafe Zvono", Sarajewo

Soeben bin ich in Sarajewo angekommen und versuche die Freunde zu treffen. Ein Ober nimmt meine Wünsche entgegen und wechselt mir Münzen ein zum telefonieren. Ein türkischer Kaffe, einige Süßigkeiten vertreiben die Müdigkeit von der langen Fahrt. Durch die regenverschmierten Scheiben fällt mein Blick auf das geschäftige Treiben in den Gassen. Durch die immer wieder, von ankommenden Gästen aufgerissene Türe drängen sich Klaviertöne von irgendwoher, verzerrt, entstellt durch den Verkehrslärm. Später schlage ich meinen Weg ein zum Basarviertel. Vor der Gazi Hussref Beg - Moschee spielen Kinder im Schein der Straßenlaternen. Es ist ein Spiel, das mir aus eigenen Kindertagen geläufig ist: Mittels einiger Kreidestriche auf dem Asphalt bilden sich hinlängliche Quadrate, länglich aneinander gereiht. Ein über den Rücken geworfener Stein, der in einem der Quadrate zu liegen kommt, gilt es dann auf einem Bein hüpfend zu erreichen. Wir nannten dieses Spiel früher "Himmel und Hölle". Aus dem Schatten einer Platane schaue ich den Kindern zu, bis sie plötzlich auseinander stieben.

Im März 1993, der Kreuzweg der Kinder von Sarajewo ist fast fertiggestellt erschüttert abermals einer der zahlreichen Greueltaten die Weltöffentlichkeit: In Sarajewo fällt seit Tagen Schnee und einige Kinder verlassen ihre Keller, in denen sie bereits seit Monaten hausen müssen wegen des Granatenhagels, dem die Stadt ausgesetzt ist. Sie nehmen ihre Rodelschlitten und wandern hinauf zum nahen Abhang. Zwei-, dreimal tollen sie ausgelassen und mit Gejohle den Berg hinunter. Dann - ein furchtbarer Knall und die Granate eines Heckenschützen zerfetzt sechs Kinder. Blutrot verfärbt sich der Schnee - Schreie - Weinen - Hilferufe, hie und da noch ein Wimmern zwischen zerrissenen Kleidungsstücken. Sechs Kinder, die sich "nur" freuen wollten, wie damals die Kinder im Schatten der Gazi Hussref Beg - Moschee mit ihrem Spiel "Himmel und Hölle".

 
PRESSEMITTEILUNG:

 

Wie ein Maler politisch wird

 

Der Krieg – und die Kunst

Gespräch mit Manfred G. Dinnes

von

Kurt Hofner

Was ist nur mit uns Menschen los? Da leben wir auf diesem schönen Planeten Erde, der durch den Kosmos rotiert – und wir begreifen nichts. Nichts von dem Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Orkan auslöst, nichts davon, was die Wiese vor dem Haus mit dem Regenwald und der mit uns allen zu tun hat, nichts von den Kindern, in denen wir vieltausendfach unser aller Möglichkeiten hinrichten, nichts von dem anderen Menschen, dessen Anderssein wir nur als Fremdsein wahrnehmen, und nichts von einer Kunst, mit der wir Wände tapezieren. Wir begreifen wirklich nichts – nichts von der Wirklichkeit der Natur, des Kindes, des Mitmenschen, der Kunst. Warum ist das so? Warum sind wir so? Warum ändern wir das nicht? An solchen Fragen sich abzuarbeiten, ist dem aufgegeben, der die richtigen Fragen stellt. Die Antworten sind da – aber sie sind zu erfragen.

„Der kleinste Stein noch , birgt jegliche Antwort in sich, welche dein Fragen umreißen könnte. Jeder Halm, jegliches Geziefer – eine Meereswoge. Der kleinste Teil von „Welt“ birgt alle Antworten, weil er Repräsentant von Welt ist, weil das Ganze in ihm wirkt. Verborgen bleibt nur das, von dem du nicht verstehst die richtige Frage zu formulieren. Dann legst du achtlos den Stein beiseite, ohne Bedauern zerquetscht die Blume unter deinem Fuß, eine Mücke stört – die Woge flößt Angst ein. Frage und Antwort sind filigrane Gebilde und die Richtung ihres Auftauchens ist im Voraus nicht zu ahnen. Wir sind in der Regel gewohnt, nur jenes anzufragen, von dem Antworten zu erwarten sind, die unser bisheriges Denken bestätigen. Erscheint uns eine Antwort unverständlich, so wird die Frage nicht revidiert. Nein – sie wird wiederholt, und wieder, und wird hinausgebrüllt: Dann breitet sich zuerst eine stille Leere aus wie bei einem Sog, der kurz bevorsteht. Schließlich erhalten wir verzerrte Gebilde wie bei einem Echo, welche wir fälschlicherweise für Antworten halten. Dabei sind sie nichts anderes, als verzerrte Fragmente unserer Frage, gebrochen von tausend Graten – unverständlich. An diesen Fragmenten ergötzen wir uns – glauben Antworten in Händen zu halten und dabei sind es nur Zerrbilder der eigenen Stagnation. Dieser Vorgang wiederholt und wiederholt sich, bis so etwas „Drohend- Turmhaftes“ entsteht – ein Rätselturm. Dieser birgt keine einzige echte Antwort, besteht er doch nur aus den eigenen verzerrten Fragefragmenten. Aber er ist mächtig, dieser Rätselturm – und man vertraut ihm, weil an ihn geglaubt wird. Richtige Antworten liegen derweil überall – in jedem Stein, in jedem Blatt, in jedem Stern, der vom Himmel leuchtet...“

„ Leben ist integraler Bestandteil des Malens und steht nicht neben der Malerei “

Dieser so von fern her poetisch klingende Text stammt von dem Regensburger Maler Manfred G. Dinnes, der ihn am 29. September 1990 in Pocitelj in der Nähe von Mostar im Neretwatal niederschrieb. Ein Tagebucheintrag eines Künstlers, dessen Arbeit „West – Östlicher Divan“ soeben in einer ehemaligen Synagoge in Sarajevo und jetzigen Galerie vorgestellt worden war. Ein kleiner Text, ein Gedanke, ein Bilderzyklus, eine Hommage an Goethe, eine Ausstellung, eine Synagoge, eine Galerie, ein Regensburger Gast, der bosnische Künstlerbund als Gastgeber, eine Rede zur Vernissage – und eine Warnung vor der heranrollenden Woge von Gewalt und Zerstörung, von Krieg und Verwüstung, von Hass und Grauen, von Angst und Leiden, von Folter und Tod. Der Maler wurde damals von einer Polizeieskorte heimgeleitet. Im ehemaligen Jugoslawien ist Krieg.


Was nun hat Kunst mit der Politik zu tun, Kultur mit Krieg? Ein Zufall, dass ein Regensburger Maler, der in Sarajewo einen deutschen Dichter ehrte, das Zittern der Erde wahrnahm, das das große Beben ankündigte? Dinnes liebt die Mehrdeutigkeiten, in denen im Kleinen das Große und das Große im Kleinen lebt, in denen über den vielen falschen Fragen die richtigen Antworten unbeachtet bleiben – oder sichtbar werden. Der „Rätselturm“ der tausend Fragen, die sich als Antworten gerieren, überschattet Jugoslawien, die tausend vermeintlichen Antworten sind ein chaotisches Echogewirr über dem Balkan, über Europa. Die tatsächliche Antwort gibt der Künstler.

  Die Kunst kann eine Utopie konstruieren, der schrecklichen Kriegsrealität eine andere Realität entgegenstellen.“

Dieser Glaube ist es, der den Regensburger Maler Manfred G. Dinnes immer wieder dazu veranlasst, zu den drängenden Fragen der Politik und Zeit auch bildnerisch Stellung zu nehmen. Ob das Hiroshima oder Tschernobyl ist, ob das der alltägliche Faschismus oder Rassismus ist oder der Kriegsalltag im ehemaligen Jugoslawien – Dinnes mischt sich ein, versucht Dialoge zu installieren. „Der Kreuzweg der Kinder von Sarajewo“ ist ein künstlerisches, wie ein politisches Ereignis. Hier trennen zu wollen, verfehlte Leben wie Kunst gleichermaßen.

Zur Jahreswende war Dinnes im ehemaligen Jugoslawien und überbrachte die von Regensburger Schulen gesammelten Hilfsgüter einem Heim für Waisenkinder in Rijeka. 300 Kinder werden mit Essen und Kleidung und anderen Spenden aus Regensburg über den Winter gebracht. Eine richtige, eine einfache Antwort. Ein hungerndes Kind braucht Essen, ein frierendes Kind braucht Kleidung ein krankes Kind braucht Fürsorge. Hat das über die Zufälligkeit des Kontaktes Dinnes´ mit dem ehemaligen Jugoslawien hinaus etwas mit Kunst zu tun? Ist Dinnes nur einer unter den doch einigen, die sich anrühren haben lassen von dem Kriegselend, von der Qual der Kinder? Ist Dinnes zufällig ein Künstler, der zufällig politisch, zufällig menschlich denkt und deshalb Partei ergreift, Flagge zeigt, aktiv wird? „Sogenannte Zufälle“ sind keine Zufälle. Deshalb hat Dinnes oben zitierte Zeilen schon in der jüdischen Gemeinde in Regensburg vorgelesen. Deshalb haben dort Kinder der Kinderkunstwerkstatt Rijeka zusammen mit Kindern der Regensburger Georg-Britting-Schule ihre Arbeit „Zufallsvogel ausgestellt. Deshalb fand das statt, drei Tage nachdem die uralte Brücke von Mostar zerstört wurde. Deshalb gibt es das Projekt „Miteinander – Zueinander“, das Dinnes koordiniert. Deshalb hat das Projekt etwas zu tun mit der Tatsache, dass vor 60 Jahren Nazis die Macht übernahmen und von „ethnischen Säuberungen“ nicht nur redeten, wie heute von „ethnischen Säuberungen“ auf dem Balkan nicht nur die Rede ist. Deshalb hat Dinnes darauf verwiesen, dass vor 70 Jahren die Genfer Kinderschutzdeklaration unterzeichnet worden ist, in der der so ruhige und einfache Satz steht: “Dem Kind muss in Zeiten der Not zunächst geholfen werden...“

„ Zum Sinn des Spendens gehört auch, dem, dem man hilft, in die Augen zu schauen “

Wenn der kleinste Stein noch jegliche Antwort in sich birgt, birgt auch der Blick des kleinsten Kindes alle Antworten. Und deswegen reden Kinder aus Rijeka und Regensburg miteinander und verständigen sich über Formen, Farben, Linien, über Kunst. Deswegen sind sie klüger als die Politiker, die über ein multikulturelles Europa streiten, während die Kinder es leben. Deshalb sind sie lebendiger, als die von Feindbildern umstellten Kämpfenden, weil sie sich von der Faszination der künstlerischen Gestaltwerdung haben anrühren lassen. Deswegen ist mit ihnen die Evolution, weil sie mit einem Strich auf einem weißen Blatt Papier näher an der Schöpfung sind, die andere so beredt verfehlen und missachten. Deswegen auch hat Dinnes seine bildnerische Antwort auf Kriegsgrauen und Kriegsgräuel im ehemaligen Jugoslawien „Kreuzweg der Kinder von Sarajewo“ genannt. (Dass diese Arbeit, im Frühjahr 1993 entstanden, für die Ausstellung: „Zeugnisse des Glaubens“ der Diözese Regensburg ausjuriert, wenn auch dann doch gezeigt wurde, gehört wohl mit in diesen „Rätselturm“ der halben Fragen, die keine Antworten bringen.)Das alles kann man philosophisch untermauern, wie es Dinnes gerne tut.

Kurt Hofner, Mittelbayerische Zeitung, Regensburg

Manfred G. Dinnes               

Foto: Dieter Nübler

„ Der Künstler sollte aktiv werden, nicht nur reaktiv sei “

„Kunst und damit ihre Ausdrucksformen stellen eine Kommunikationsebene dar, die über bloße sprachliche Ebenen hinauszielt, denn ihre Grundlagen sind dort, wo das Individuum über das schöpferische Prozessieren, also über die Handlung selbst Zugang erhält, nicht nur in die Ebenen eigenen Seins, sondern Sein durch die Darstellung in einem Akt ständiger Wechselwirkung falsifikativ erwachsen lässt“. Das kann man auch festmachen an der Aktivität diese Malers, der oft und gern sein Atelier verlässt, reist, seine Kunstwerke auf Reisen schickt (das nächste Jahr vor allem wird ein Jahr intensiver Ausstellungstätigkeit in der halben Welt), der sich einmischt, Partei nimmt, der das Recht der Freiheit der Kunst als Pflicht zur gesellschaftlichen Mitgestaltung begreift. Das tat und tut Dinnes in vielerlei Formen, den primär künstlerischen Ausdrucksformen wie als Erfinder neuer Dialogformen, neuer Ausstellungsformen, besser: Neuer Bezugsrahmen für Kunst. Er arbeitet zusammen mit Komponisten, Philosophen, mit Kunstpädagogen, mit Kindern, er ist Mitinitiator der Aktion „Künstler gegen Antisemitismus“, er ist Leiter der Initiative „Künstler wehren sich gegen Angriffe des Rechtsextremismus“, ist Beauftragter des BBK Niederbayern/Oberpfalz gegen Ausgrenzung und Diffamierung von Kunst und Kunstschaffenden, vom BBK beauftragt mit der Organisation der Ausstellung „Sechzig Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten“, ist Mitglied in der Künstlergemeinschaft „Artists United for Nature“, die sich für den Naturschutz einsetzt, und und und...Wenn dies alles pure Additionen zur künstlerischen Arbeit wären, müsste man für ihn fürchten, dass die Kraft für alles nicht reichen könnte. Doch in Dinnes´ Komplexitätsmodell sind diese und einige andere Aktivitäten eben nur Ausfächerungen ein- und derselben existentiellen Lebendigkeit („Ich lebe in meinen Handlungen, ich lebe in jedem Bild“). Grenzen mag er hier sowenig erkennen wie im Miteinander verschiedener Kulturkreise. Eher im Gegenteil: „In den kulturellen Überlappungsbreichen passieren die spannendsten schöpferischen Prozesse.“

 

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aktualisiert am 12.09.08 von Prof. M. Dinnes    -   © by Dinnes.net