Wie
ein Maler politisch wird
Der Krieg – und die Kunst
Gespräch mit Manfred G. Dinnes
von
Kurt Hofner
Was ist nur
mit uns Menschen los? Da leben wir auf diesem schönen Planeten
Erde, der durch den Kosmos rotiert – und wir begreifen nichts.
Nichts von dem Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen
Orkan auslöst, nichts davon, was die Wiese vor dem Haus mit dem
Regenwald und der mit uns allen zu tun hat, nichts von den
Kindern, in denen wir vieltausendfach unser aller Möglichkeiten
hinrichten, nichts von dem anderen Menschen, dessen Anderssein
wir nur als Fremdsein wahrnehmen, und nichts von einer Kunst,
mit der wir Wände tapezieren. Wir begreifen wirklich nichts –
nichts von der Wirklichkeit der Natur, des Kindes, des
Mitmenschen, der Kunst. Warum ist das so? Warum sind wir so?
Warum ändern wir das nicht? An solchen Fragen sich
abzuarbeiten, ist dem aufgegeben, der die richtigen Fragen
stellt. Die Antworten sind da – aber sie sind zu erfragen.
„Der
kleinste Stein noch , birgt jegliche Antwort in sich, welche
dein Fragen umreißen könnte. Jeder Halm, jegliches Geziefer
– eine Meereswoge. Der kleinste Teil von „Welt“ birgt alle
Antworten, weil er Repräsentant von Welt ist, weil das Ganze in
ihm wirkt. Verborgen bleibt nur das, von dem du nicht verstehst
die richtige Frage zu formulieren. Dann legst du achtlos den
Stein beiseite, ohne Bedauern zerquetscht die Blume unter deinem
Fuß, eine Mücke stört – die Woge flößt Angst ein. Frage
und Antwort sind filigrane Gebilde und die Richtung ihres
Auftauchens ist im Voraus nicht zu ahnen. Wir sind in der Regel
gewohnt, nur jenes anzufragen, von dem Antworten zu erwarten
sind, die unser bisheriges Denken bestätigen. Erscheint uns
eine Antwort unverständlich, so wird die Frage nicht revidiert.
Nein – sie wird wiederholt, und wieder, und wird hinausgebrüllt:
Dann breitet sich zuerst eine stille Leere aus wie bei einem
Sog, der kurz bevorsteht. Schließlich erhalten wir verzerrte
Gebilde wie bei einem Echo, welche wir fälschlicherweise für
Antworten halten. Dabei sind sie nichts anderes, als verzerrte
Fragmente unserer Frage, gebrochen von tausend Graten –
unverständlich. An diesen Fragmenten ergötzen wir uns –
glauben Antworten in Händen zu halten und dabei sind es nur
Zerrbilder der eigenen Stagnation. Dieser Vorgang wiederholt und
wiederholt sich, bis so etwas „Drohend- Turmhaftes“ entsteht
– ein Rätselturm. Dieser birgt keine einzige echte Antwort,
besteht er doch nur aus den eigenen verzerrten Fragefragmenten.
Aber er ist mächtig, dieser Rätselturm – und man vertraut
ihm, weil an ihn geglaubt wird. Richtige Antworten liegen
derweil überall – in jedem Stein, in jedem Blatt, in jedem
Stern, der vom Himmel leuchtet...“
„
Leben ist integraler Bestandteil des Malens und steht nicht
neben der Malerei “
Dieser so von fern her poetisch klingende
Text stammt von dem Regensburger Maler Manfred G. Dinnes, der ihn am
29. September 1990 in Pocitelj in der Nähe von Mostar im Neretwatal
niederschrieb. Ein Tagebucheintrag eines Künstlers, dessen Arbeit
„West – Östlicher Divan“ soeben in einer ehemaligen Synagoge
in Sarajevo und jetzigen Galerie vorgestellt worden war. Ein kleiner
Text, ein Gedanke, ein Bilderzyklus, eine Hommage an Goethe, eine
Ausstellung, eine Synagoge, eine Galerie, ein Regensburger Gast, der
bosnische Künstlerbund als Gastgeber, eine Rede zur Vernissage –
und eine Warnung vor der heranrollenden Woge von Gewalt und Zerstörung,
von Krieg und Verwüstung, von Hass und Grauen, von Angst und
Leiden, von Folter und Tod. Der Maler wurde damals von einer
Polizeieskorte heimgeleitet. Im ehemaligen Jugoslawien ist Krieg.
Was nun hat Kunst mit der Politik zu tun, Kultur mit Krieg? Ein Zufall,
dass ein Regensburger Maler, der in Sarajewo einen deutschen Dichter
ehrte, das Zittern der Erde wahrnahm, das das große Beben ankündigte?
Dinnes liebt die Mehrdeutigkeiten, in denen im Kleinen das Große
und das Große im Kleinen lebt, in denen über den vielen falschen
Fragen die richtigen Antworten unbeachtet bleiben – oder sichtbar
werden. Der „Rätselturm“ der tausend Fragen, die sich als
Antworten gerieren, überschattet Jugoslawien, die tausend
vermeintlichen Antworten sind ein chaotisches Echogewirr über dem
Balkan, über Europa. Die tatsächliche Antwort gibt der Künstler.
„
Die Kunst kann eine Utopie konstruieren, der schrecklichen
Kriegsrealität eine andere Realität entgegenstellen.“
Dieser Glaube ist es,
der den Regensburger Maler Manfred G. Dinnes immer wieder dazu
veranlasst, zu den drängenden Fragen der Politik und Zeit auch
bildnerisch Stellung zu nehmen. Ob das Hiroshima oder Tschernobyl
ist, ob das der alltägliche Faschismus oder Rassismus ist oder der
Kriegsalltag im ehemaligen Jugoslawien – Dinnes mischt sich ein,
versucht Dialoge zu installieren. „Der Kreuzweg der Kinder von
Sarajewo“ ist ein künstlerisches, wie ein politisches Ereignis.
Hier trennen zu wollen, verfehlte Leben wie Kunst gleichermaßen.
Zur Jahreswende war Dinnes im ehemaligen Jugoslawien und
überbrachte die von Regensburger Schulen gesammelten Hilfsgüter
einem Heim für Waisenkinder in Rijeka. 300 Kinder werden mit Essen
und Kleidung und anderen Spenden aus Regensburg über den Winter
gebracht. Eine richtige, eine einfache Antwort. Ein hungerndes Kind
braucht Essen, ein frierendes Kind braucht Kleidung ein krankes Kind
braucht Fürsorge. Hat das über die Zufälligkeit des Kontaktes
Dinnes´ mit dem ehemaligen Jugoslawien hinaus etwas mit Kunst zu
tun? Ist Dinnes nur einer unter den doch einigen, die sich anrühren
haben lassen von dem Kriegselend, von der Qual der Kinder? Ist
Dinnes zufällig ein Künstler, der zufällig politisch, zufällig
menschlich denkt und deshalb Partei ergreift, Flagge zeigt, aktiv
wird? „Sogenannte Zufälle“ sind keine Zufälle. Deshalb hat
Dinnes oben zitierte Zeilen schon in der jüdischen Gemeinde in
Regensburg vorgelesen. Deshalb haben dort Kinder der
Kinderkunstwerkstatt Rijeka zusammen mit Kindern der Regensburger
Georg-Britting-Schule ihre Arbeit „Zufallsvogel ausgestellt.
Deshalb fand das statt, drei Tage nachdem die uralte Brücke von
Mostar zerstört wurde. Deshalb gibt es das Projekt „Miteinander
– Zueinander“, das Dinnes koordiniert. Deshalb hat das Projekt
etwas zu tun mit der Tatsache, dass vor 60 Jahren Nazis die Macht
übernahmen und von „ethnischen Säuberungen“ nicht nur redeten,
wie heute von „ethnischen Säuberungen“ auf dem Balkan nicht nur
die Rede ist. Deshalb hat Dinnes darauf verwiesen, dass vor 70
Jahren die Genfer Kinderschutzdeklaration unterzeichnet worden ist,
in der der so ruhige und einfache Satz steht: “Dem Kind muss in
Zeiten der Not zunächst geholfen werden...“
„
Zum Sinn des Spendens gehört auch, dem, dem man hilft, in die Augen
zu schauen “
Wenn
der kleinste Stein noch jegliche Antwort in sich birgt, birgt auch
der Blick des kleinsten Kindes alle Antworten. Und deswegen reden
Kinder aus Rijeka und Regensburg miteinander und verständigen sich
über Formen, Farben, Linien, über Kunst. Deswegen sind sie klüger
als die Politiker, die über ein multikulturelles Europa streiten,
während die Kinder es leben. Deshalb sind sie lebendiger, als die
von Feindbildern umstellten Kämpfenden, weil sie sich von der
Faszination der künstlerischen Gestaltwerdung haben anrühren
lassen. Deswegen ist mit ihnen die Evolution, weil sie mit einem
Strich auf einem weißen Blatt Papier näher an der Schöpfung sind,
die andere so beredt verfehlen und missachten. Deswegen auch hat
Dinnes seine bildnerische Antwort auf Kriegsgrauen und Kriegsgräuel
im ehemaligen Jugoslawien „Kreuzweg der Kinder von Sarajewo“
genannt. (Dass diese Arbeit, im Frühjahr 1993 entstanden, für die
Ausstellung: „Zeugnisse des Glaubens“ der Diözese Regensburg
ausjuriert, wenn auch dann doch gezeigt wurde, gehört wohl mit in
diesen „Rätselturm“ der halben Fragen, die keine Antworten
bringen.)Das alles kann man philosophisch untermauern, wie es Dinnes
gerne tut.
Kurt
Hofner, Mittelbayerische Zeitung, Regensburg
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Manfred G. Dinnes
Foto: Dieter Nübler
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„
Der Künstler sollte aktiv werden, nicht nur reaktiv sei “
„Kunst und damit ihre Ausdrucksformen stellen eine
Kommunikationsebene dar, die über bloße sprachliche Ebenen
hinauszielt, denn ihre Grundlagen sind dort, wo das Individuum über
das schöpferische Prozessieren, also über die Handlung selbst
Zugang erhält, nicht nur in die Ebenen eigenen Seins, sondern Sein
durch die Darstellung in einem Akt ständiger Wechselwirkung
falsifikativ erwachsen lässt“. Das kann man auch festmachen an
der Aktivität diese Malers, der oft und gern sein Atelier
verlässt, reist, seine Kunstwerke auf Reisen schickt (das nächste
Jahr vor allem wird ein Jahr intensiver Ausstellungstätigkeit in
der halben Welt), der sich einmischt, Partei nimmt, der das Recht
der Freiheit der Kunst als Pflicht zur gesellschaftlichen
Mitgestaltung begreift. Das tat und tut Dinnes in vielerlei Formen,
den primär künstlerischen Ausdrucksformen wie als Erfinder neuer
Dialogformen, neuer Ausstellungsformen, besser: Neuer Bezugsrahmen
für Kunst. Er arbeitet zusammen mit Komponisten, Philosophen, mit
Kunstpädagogen, mit Kindern, er ist Mitinitiator der Aktion
„Künstler gegen Antisemitismus“, er ist Leiter der Initiative
„Künstler wehren sich gegen Angriffe des Rechtsextremismus“,
ist Beauftragter des BBK Niederbayern/Oberpfalz gegen Ausgrenzung
und Diffamierung von Kunst und Kunstschaffenden, vom BBK beauftragt
mit der Organisation der Ausstellung „Sechzig Jahre nach der
Machtübernahme durch die Nationalsozialisten“, ist Mitglied in
der Künstlergemeinschaft „Artists United for Nature“, die sich
für den Naturschutz einsetzt, und und und...Wenn dies alles pure
Additionen zur künstlerischen Arbeit wären, müsste man für ihn
fürchten, dass die Kraft für alles nicht reichen könnte. Doch in
Dinnes´ Komplexitätsmodell sind diese und einige andere
Aktivitäten eben nur Ausfächerungen ein- und derselben
existentiellen Lebendigkeit („Ich lebe in meinen Handlungen, ich
lebe in jedem Bild“). Grenzen mag er hier sowenig erkennen wie im
Miteinander verschiedener Kulturkreise. Eher im Gegenteil: „In den
kulturellen Überlappungsbreichen passieren die spannendsten
schöpferischen Prozesse.“
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