"RAUHNACHT - 1985"

 
Bild 17

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Ein an sich recht schweigsamer Hirte erzählte ab und an folgende Begebenheit von der "Anderen Welt" oder "Gegenwelt", wie er sie nannte: Am Tag vor Lucia musste er nach seinen Schafen, die in einem Stall auf einer Waldlichtung eingepfercht waren schauen. Eigentlich gab es nicht direkt einen Grund - ein Gefühl zwang ihn dazu. Bei seinen Schafen angekommen setzte ein Schneesturm ein, wie er ihn noch nie erlebt hatte. In kürzester Zeit war Weg und Steg unter ungeheuren Schneemassen begraben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bei seinen Schafen zu nächtigen. Mitten zwischen den wolligen Leibern war er vor der großen Kälte geschützt. Die Schafe drückten sich ganz eng zusammen und man hörte nicht einmal ein Schnaufen.

   

 

Um Mitternacht wird er von merkwürdigen Geräuschen wach. Es klingt wie ein fürchterliches Schmatzen, dazwischen das Brechen von Knochen und ein ein Weh- und Achseufzen. Durch eine Ritze im Stall schaut er neugierig in die Nacht und was ihn da erwartet, lässt ihm das Blut gefrieren. Ein unendlicher Zug von absonderlichen Gestalten zieht am Waldrand vorbei und verschwindet im Berg. Wölfe, so groß wie ein Holzschupfen, rußschwarze  Männer mit Buckelkraxen, aus denen das Gewimmer kam. Der ganze Zug, der nicht enden wollte, war überzogen wie von mächtigen Spinnweben, aus denen es gallig und schleimig troff. Dann war der Zug endlich ganz im Berg verschwunden. Als der Hirte am nächsten Tag zurück ins Dorf kam, erkannte ihn keiner. Über Nacht war er schlohweiß geworden. Im Dorf hatte es nicht eine Flocke geschneit.

 

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aktualisiert am 30.11.05 von Prof. M. Dinnes    -   © by Dinnes.net