[ Home ] [ Aktuelles ] [ Projekte ] [ Galerie ] [ Presse ] [ Links ] [ Forum ] [ Kontakt ]

 

"In der Mitte von Nirgendwo"

   eine Foto- und Textdokumentation aus den Jahren  des Kriegsgeschehens            1994  - 1996  in Bosnien - Herzegovina ( Mostar, Bihac, Sarajevo )            

entstanden während der Einsätze als Vorstandsmitglied der humanitären Organisation "BRÜCKEN - für Humanität, Kultur, Toleranz und Dialog e. V."

 

    [ zurück zu Aktuelles ]     [ 1 ]  [ 2 ]  [ 3 ]  [ 4 ]  [ 5 ]  [ 6 ]  [ 7 ]  [ 8 ]  [ 9 ]
 

 

 

 

 

Die Menschen von Ost- Mostar können nicht aus ihrem Stadtteil, es wird ihnen mit Waffengewalt verwehrt – von kroatischer und von serbischer Seite. Moslime im Westteil der Stadt werden bis 1997 noch vertrieben, misshandelt, meist ohne Habe in den Ostteil getrieben, gedemütigt, geschlagen, ständigem Terror ausgesetzt. Das Schema sieht in der Regel folgendermaßen aus. Ein Spezialtrupp dringt in die Wohnung, meistens nachts. Die Familie wird drangsaliert, meistens werden dem Mann irgendwelche Gliedmaßen gebrochen. Alle werden mit dem Tode bedroht, sollten sie nicht auf der Stelle verschwinden. Dann werden Verzichtserklärungen unterschrieben und am nächsten Morgen geht es ab nach Ost- Mostar. Eine Dunstglocke der Angst liegt über den Menschen. Quälend die Angst vor dem nächsten Tag, quälend die Fragen: wie soll es weitergehen?

 

Krankenhaus Velmoz 1994: Dem Vater wurde durch eine Mine ein Bein abgerissen. Das war in den nahen Bergen. Stunden dauerte es, bis der Patient in das Krankenhaus gebracht werden konnte, weil auf die Helfer immer wieder geschossen wurde. Jetzt bleibt nur noch wenig Hoffnung.

 

Bei Ausbruch des Krieges verfügt Mostar- Ost über kein eigenes Krankenhaus. Warum auch? Eine Stadt, ein vernünftiges Krankenhaus. Dieses Krankenhaus liegt jedoch im Westteil der Stadt und damit gehört es den Kroaten, die sich schlicht weigern, Patienten aus dem Ostteil aufzunehmen. Also ist Ost- Mostar gezwungen einen Ausweg zu schaffen. In aller Eile werden in großen Industriehallen Container an Container gereiht, die gleicher weise als Operationssaal, Röntgenzentrum oder Patientenzimmer benutzt werden müssen. Der Zustand ist schlimm. Keine  Heizung, die sanitären Einrichtungen entsetzlich, der Wind braust den ganzen Tag hindurch durch die zugigen Hallen. Die  mangelnde Stromversorgung zwingt immer wieder zum Abbrechen während einer Operation. „Steril“ ist ein Wort von einem anderen Stern. Die Ärzte haben Tag und Nacht alle Hände voll zu tun, tun, was sie können, aber oftmals bleibt ihnen nur das Zuschauen beim Sterben übrig. Sie haben nichts, um zu helfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachmittags treffen wir eine Frau mit ihren beiden Töchtern, gerade sieben und elf Jahre alt, die monatelang in sogenannten privaten Konzentrationslagern in Caplina und Pocitelj gefangen gehalten wurden. Meist waren dies irgend welche Industriehallen oder Keller. Die Menschen wurden buchstäblich hinein geschaufelt. Ältere oder Gehbehinderte wurden mit Schubkarren in die bereits bestehende Menschenmenge von oben hinein gekippt. Die Raumverhältnisse sind teilweise so beengt, dass an Schlaf nur in Hockestellung zu denken ist. Es gibt keine Fäkaliengruben, das Essen wird in Kübeln hinein geschüttet. Ich treffe auch eine Frau, deren Sohn als vermisst gilt und den sie in einem der Konzentrationslager vermutet. 800 solcher Fälle gibt es allein in Mostar und ihr Schicksal ist ungewiss.

 [ nächste Seite ]


aktualisiert am 12.09.08 von Prof. M. Dinnes    -   © by Dinnes.net