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"In der Mitte von Nirgendwo"

   eine Foto- und Textdokumentation aus den Jahren  des Kriegsgeschehens            

1994  - 1996  in Bosnien - Herzegovina ( Mostar, Bihac, Sarajevo )            

entstanden während der Einsätze als Vorstandsmitglied der humanitären Organisation "BRÜCKEN - für Humanität, Kultur, Toleranz und Dialog e. V."

 

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Mostar 1994

 

 

In Metcovic an der bosnischen Grenze stehen Konvois von UNHCR bereit, um weiter ins Landesinnere vorzudringen. Bei Sarajevo wird ein solcher Konvoi seit sechs Wochen von den Serben an der Weiterfahrt gehindert. Die Menschen in dieser Region sind am Ende.

 

 

 

1994: In Metcovic öffnet sich der Schlagbaum und wir fahren hinein nach Bosnien / Herzegovina. Wohin? -  wir befinden uns in der Mitte von „Nirgendwo“  -  verbrannte Erde – der Geruch von Versengtem – beizend, beißend, begleitet uns ab jetzt ständig. Wir hatten viele Informationen , hatten viele Bilder und Filme gesehen, hatten uns vorbereitet, Verhaltensmuster durchgespielt    wir wussten , wohin wir kamen. Jetzt waren wir da. „DA – SEIN“ bedeutet hier: vergiss alles, was dir bisher in deinem Leben als Orientierung diente. Trau keinem Weg,  trau deinen Augen nicht, trau deinem Denken nicht. Unzählige Male passieren wir Kontrollpunkte mit schwerst bewaffneten Soldaten, Maschinenpistolen zielen durch das herunter gelassene Autofenster. Wir fahren die Straße entlang, vorbei an Häusern, die einmal Häuser waren, jetzt aber faulen Zahnstümpfen gleichen. Jeder Kaninchenstall ist durchsiebt, zerfetzte Autowracks, abgefackelte Weinberge und Obstplantagen. Wir sehen die Zerstörung – aber wir sehen keine Menschen. Menschenleer – öde – nichts als Ruinen.

Hier hat eine gigantische Treibjagd stattgefunden und die hier ansässigen Menschen,  ob alt oder jung, Säugling, Mann oder Frau wurden wie Hasen gehetzt, hingeschlachtet, verschleppt oder vertrieben. Erstmals wird mir klar, was „Ethnische Säuberung“ in Wirklichkeit bedeutet. Eine sprachästhetische Schöpfung, die Mord, Folter und Massenvernichtung verniedlichen soll. Die Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen spiegelt nur wieder, dass die Täter von Anfang an um ihre Zielsetzung wussten. Und sie handelten nach Plan, längst vorbereitet.

 

Noch ein letzter Kontrollpunkt – wir sind in Mostar, einer Stadt, die ein Trümmerfeld ist. In meiner Erinnerung lebt noch ein ganz anderes Mostar. Das hier kann doch nicht Mostar sein? Da war nichts mehr. Zerbombt, ausgebrannt, eingestürzt, durchlöchert wie ein gigantisches Nudelsieb. Die Straßen verschüttet von herausgesprengten Mauern, kein einziges intaktes Dach mehr in der ganzen Stadt. In der ganzen Stadt? Nein, wir sind zudem in einer geteilten Stadt. Der Westteil, der von den bosnischen Kroaten alleine beansprucht wird, trägt sicherlich Spuren des Krieges – die Geschoss-Spuren der Tschetniks, jener Milizionäre, die sich unter Karadzic´s Fahnen zusammen rotteten und von den Südosthängen auf die Stadt herab schossen. Diese Batterien sind noch jetzt in den Bergen und von Zeit zu Zeit geben sie ihre Anwesenheit dadurch kund, das sie auf die Stadt hinunter einen Granatenhagel regnen lassen. Der Hauptvernichtungsschlag der den Ostteil  von Mostar traf, kommt von kroatischer Seite. Ungeheure Mengen von Kriegsmaterial, Geschosse russischer, chinesischer, deutscher oder amerikanischer Bauart, über Argentinien eingeschleust, Panzerartillerie, Mörsergranaten, der ganze Wahnsinn menschlichen Erfindungsgeistes bezüglich der Vernichtung von seinesgleichen prasselte auf diese Stadt hernieder. Tag und Nacht – Tag und Nacht. Eine historische, eine europäische Stadt, ein Stadtensemble von einer Einzigartigkeit wird vernichtet, in Schutt und Asche gebombt. Mit ihr die Menschen, wahllos – wen es eben trifft. Notdürftige Krankenhäuser – das Wort alleine ist schon ein schlechter Witz – liegen unter ständigem Beschuss. Die Täter sind im Blutrausch. An den Mörsern und der Artillerie herrscht regelrechter Schichtbetrieb. Viele Menschen ertragen diese Situation nicht mehr, rennen buchstäblich ins Sperrfeuer. Die Toten werden nachts in der Stadt begraben, schnell nur schnell und überall wo sich ein Grab schaufeln lässt. Kleiderspinde angefüllt mit Steinen, bilden lange, kilometerlange Reihen auf den Straßen zum Schutz vor Heckenschützen, Lastwagen voll beladen, Container ausbetoniert dienen als Kugelfang.

 

In der ganzen Stadt, in Parkanlagen, in Gärten, auf ehemaligen Verkehrsinseln finden sich Gräber. Die Menschen hier konnten nicht hinaus, sie waren in einem Kessel gefangen, also mussten sie nachts die Toten begraben. Wenn von der „drüberen“ Seite der Munitionsnachschub ins Stocken geriet, wurden Gräber auf Vorrat geschaufelt.

Die Wasserversorgung ist katastrophal. Im Schutze der Nacht steigen Männer hinunter zur Neretva und schöpfen Behältnisse jeglicher Art voll mit dem Flusswasser und hieven  die schwere Last mühsam hoch. Immer unter Beschuss, wenn ein Laut fällt. Viele verlieren auf diese Weise ihr Leben. Die bewaldeten Hänge entlang der Stadt werden abgeholzt – ebenfalls nachts – ebenfalls unter Beschuss. Es gibt keine Elektrizität und ca. 60 000 Menschen müssen essen, müssen ihre Kellerlöcher heizen, wissen nicht, wie und wo sie ihre Notdurft verrichten sollen. Und der Bombenregen hört nie auf. Alles, was man sich an Horrorphantasien auszumalen vermag – hier ist es schon längst geschehen. Wenn ich durch die Straßen gehe, empfinde ich mich selbst als Gespenst, das durch die Trümmer einer Stadt eilt. Ruinenstümpfe, die bloßlegen, was sich einst an Privatem hinter soliden Mauern verbarg. Tote Fensterhöhlen, durch die der Himmel starrt. Innen und Außen existiert nicht mehr, kehrt sich um und um, zerspiegelt. Von der Gluthitze verbogene Häuserfassaden, Geschäfte, Kaufhäuser – der Inhalt verkohlt, Wohnblöcke zerborsten, Betonteile die an Eisenträgern noch zappeln im Wind, tonnenschwer wie ein überdimensioniertes Mobile – so ein Inferno kann man nicht erfinden. Und diese unerschütterliche Ruhe jetzt, die sich wie ein Tischtuch des Todes über die ganze Stadt ausbreitet. Mein Denken weigert sich, diesen Eindruck zu verarbeiten. Immer wieder gehe ich irgend wohin in eine Ecke und weine.

Am Bahnhof stehen noch die Züge, ausgebrannt, durchlöchert, zerrissen, zerfetzt. Omnibuswracks, die noch während der Fahrt explodierten und so liegen blieben. Nur wenige Pkws sind überhaupt fahrtüchtig, voller Einschusslöcher und die Scheiben notdürftig mit Plastikfolien ersetzt. So sieht Wirklichkeit aus.

 

 

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aktualisiert am 12.09.08 von Prof. M. Dinnes    -   © bi Dinnes.net