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Prof. Manfred G. Dinnes |
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| "ATHOS 2001" - GESCHICHTE DER MÖNCHE | ||
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Der Athos – jeder weiß
von ihm – doch nichts näheres. Es ist gleichgültig welchen Abschnitt der Geschichte man herausgreift. Als läge eine Glocke der Geschichtslosigkeit über dem östlichen Finger der Chalkidike - so scheint es. Zeit hat hier einen, wenn überhaupt, anderen Stellenwert. Dieser Aspekt liest sich an den Klöstern ab, er ist spürbar beim Durchwandern der Halbinsel, in schattigen Kastanienwäldern oder an den Berghängen, die mit üppiger, undurchdringlicher Vegetation überzogen sind. Die wenigen Pfade sollte man nicht verlassen. Der Athos selbst, ein Marmormassiv, dass sich mit 2033 Metern Höhe buchstäblich aus dem Meer herauswälzt liegt an der Südspitze der ca. 45 km langen und maximal 8 km breiten Halbinsel. Es ist ein einsamer Berg, dem weit und breit kein anderer Gipfel gewachsen ist. Die landeinwärts liegende Nordflanke fällt hinter dem Gipfel gut tausend Meter ab, ansonsten stürzt er ins Meer. Akte nannten die Alten diese Halbinsel, aber bereits in der Antike übertrug sich der Name des Berges auf das gesamte Eiland. Das Wort selbst dürfte aus altionisch – attischen Dialekt stammen. Der Legende nach schleuderte ein thrakischer Titan einen gewaltigen Stein – den Athos gegen den Göttervater Zeus. Eine andere Legende nennt Athos einen gottlosen Riesen, dem Poseidon aus Wut über dessen Unverfrorenheit den Berggau Pallene auf Haupt und Hände wirft. Von Homer stammt die erste schriftliche Bezeugung des Namens Athos. In der Illias schwebt Hera vom Horn des Olymp über den Athos und erreicht die Insel Lemnos. Bei Äschylos wird im Agamemnon der Fall von Troja durch Leuchtzeichen auch vom Athos aus verkündet, und nennt ihn den Gipfel des Zeus. In der Nähe des Gipfels finden sich noch heute Überreste eines Zeustempels. Von der Lage der antiken Besiedelung gibt es keine schlüssigen Erkenntnisse. Herodot schreibt kurz und bündig: „Leute lebten dort“. Kaum eine griechische Landschaft, die so wenig erfasst ist. Lange vor dieser Zeit, schon 492 v. Chr. sah der Athos den Untergang der Dariusflotte, den Bau des Xerxeskanals, war in zahlreiche militärische und politische Ereignisse bis ins römische Kaiserreich hinein verwickelt. Einige Städtenamen wie Akrothoi, Olophyxos, Thissos oder Apollonia sind erhalten, aber nur als Namen. Athos – jeder weiß
– keiner weiß etwas genaueres. Aristoteles
wurde in Staghira geboren, einem Ort an der Ostküste der Chalkidike, von
wo aus man an schönen Tagen, besonders im Winter , einen überwältigenden
Blick auf den Athos hat. Er kannte mit Sicherheit diese Landzunge, auf der
die“ Makrobioten“, die „Langlebigen“ wohnten und der Überlieferung
nach ein Lieblingsplatz der Philosophen und deren Schulen gewesen sein
soll. Deinokrates, ein Architekt Alexander des Großen, wollte aus dem
Marmormassiv des Athos eine gewaltige, ruhende Statue des Alexander
herausbrechen. Es blieb nur bei einer kleinen Marmorplatte, einer
„Himmelfahrt Alexanders“, die heute an der Rückwand des Katholikons
des Klosters Dochiariou eingemauert ist und an Alexander erinnert (ca.
10.Jhdt.?) Als
Maria, die Mutter des Herrn in der Bucht von Iviron landete – damals,
als sie mit Johannes den Lazarus auf Zypern
besuchen wollte und ihr Schiff vom Sturm verschlagen wurde – war
sie von dem Landschaftsgepräge so beeindruckt, dass sie dieses Gebiet
kurzerhand zum „Garten Mariens“ erklärte. Kein weibliches Wesen mehr
sollte fürderhin seinen Fuß auf dieses Gebiet setzen. Alle heidnischen
Bildnisse zerstörten sich daraufhin selbst. Die Panaghia durchstreife
noch heute in wallendem Gewand die Haine des Athos. Soweit die christliche
Legende. Wann
sich Mönche erstmals auf dem Athos niederließen, weiß man nicht. Die
Apostelgeschichte erzählt von der Ankunft des Paulus in Samothrake,
seiner Landung in Nea Polis, seinem Aufenthalt in Philippi und
Thessaloniki, sowie den Predigten in Korinth und Athen. Er umkreist
sichtlich den Athos. Überall findet er ein offenes Ohr. Sollten wirklich
zur Zeit Konstantins bereits Mönche auf dem Athos gelebt haben, so wie
mancherorts auf dem Athos behauptet wird? Kirchenbauten aus dem 4. Jhdt.
sind in Makedonien jedenfalls erhalten. Manchmal wird die islamische
Invasion des 9. Jhdt. in Zusammenhang mit der Athosbesiedelung durch Mönche
genannt, welche durch Vertreibung hierher gerieten. Doch zu der Zeit
bestand bereits ein Mönchsgefüge, wie zwei Urkunden des 9. Jhdt.
belegen. Im Kloster Pantokratores wird zudem ein Palimpset aus dieser Zeit
aufbewahrt und verehrt. Man wäre
fast geneigt, der Athos hätte als heimlicher Rückzugspunkt zur Zeit des
Ikonoklasmus, der Bilderstürmerei gedient.
Diese Zeit, von 726 – 843 führte zu blutigen Auseinandersetzungen.
Sollte der Athos als heimliche Schatzkammer der Bilderverehrung auch
deshalb aus allen Aufzeichnungen ausgeklammert sein? Die erste
Beschreibung einer Persönlichkeit des Athos ist Petros, der Eremit. Wann
er jedoch wirkte, ist ungewiss. Eines jedoch ist unumstößlich: der
Hymnograph Joseph lebte von 816 bis 886 und er ist der Verfasser eines
Kanons, der uns erhalten geblieben ist, zu Ehren des hl. Petros dem
Eremiten. Um das
Phänomen „Athos“ besser begreifen zu können, muss man sich weiter
vortasten in die geistige und spirituelle Geographie des frühen
Christentums. Seit frühester Zeit hat sich christliches Leben immer
wieder in asketischen Lebensformen verwirklicht und greift dabei auf
Methoden zurück die in der antiken Umwelt bestens bekannt waren. Man
denke dabei an den Artemiskult. Auf dem Athos, in der heutigen Bucht von
Iviron bestand ein derartiges Artemisheiligtum, also genau da, wo Maria
gelandet sein soll. Zwei Ortsnamen verweisen auf den Baumkult zu Ehren der
Artemis: Karyes, das Hauptstädtchen des Athos und Daphni, die Hafenstadt.
Arthemis Karyatis könnte verwandt sein mit dem Wort Karydia für Nussbaum
und Dafni (Lorbeer) ist der Arthemis durch Übertragung von Apollon und
Aphrodite heilig. Auffallend ist weiter, dass die Einführung des
Muttergotteskultes auf dem Athos in Verbindung steht mit Ephesos, dem
Zentrum des Arthemiskultes. Den Rest ihres irdischen Daseins soll Maria
unter dem Schutze des Apostel Johannes in Ephesos verbracht haben. Doch
zurück zur geistigen Geographie: Zweifellos gilt Antonios (251 – 356)
als hochverehrter Mönch der ersten Zeit, der im Gebirge von Kolzom, etwa
30 km vom Roten Meer entfernt in einer Höhle lebte. Am Fuße des Berges führten
seine Schüler ein klosterähnliches Leben. Durch die rasche Übersetzung
und Verbreitung (auch im Westen) der Vita des Antonius wurde er zur überragenden
Figur der Wüstenväter – der Anachoreten. Diese Vita Antonii, von
Bischof Athanasios 357 verfasst, dürfte einen überwältigenden Eindruck
auf die bereits bestehenden christlichen Gemeinden gemacht haben. Weitere
berühmte Anachoreten begründeten anderenorts ihre Lebensformen. Im
westlichen Nildelta zwischen Alexandrien und dem heutigen Kairo entstanden
die Mönchssiedlungen Nitria, Kellia und Sketis. In Mittel- und Oberägypten
entwickelte sich unter Pachom eine streng- klösterliche (Koinobitische)
Form. Auch in
Syrien, dem Libanon und in Kappadokien existiert seit frühester Zeit ein
klösterliches Leben. Hier in Kappadokien, in Göreme wirkte auch Basilios
der Große, der aus Cäsarea (330) stammte, als einer der Kirchenväter
gilt, mit Ambrosius von Mailand in regem Austausch war und dessen
Ordensregeln Anfang des 6. Jhdt. Benedikt von Nursia als Vorlage dienten.
In Kappadokien wirkte auch, der aus Äthiopien stammende Onuphrios im 4.
Jhdt. Schließlich lebte im 5. Jhdt. hier auch Johannes Hesychastes, der
erst Bischof von Colonia in Armenien, später in der Wüste Laura als
Einsiedler lebte. Als 557 die Johannes vita abgefasst wurde lebte er noch.
Aus dieser Vita geht der Hesychasmus hervor, eine Gebetspraxis, die sich
bis heute auf dem Athos erhielt und praktiziert wird. Die Geschwindigkeit
mit der sich zur damaligen Zeit Nachrichten von einem Ende der Welt zum
anderen Ende verbreiteten ist atemberaubend und die regen Beziehungen und
Austäusche die zudem unmittelbar in Handlungen, in die Praxis umgesetzt
wurden, ist staunenswert. Jedenfalls sollte nicht außer Betracht gelassen
werden, das ein Mönchsdasein auf dem Athos mit dieser Zeit zusammenfällt.
Im Osten wurde der Beiname „heilig“ für verschiedene Berge üblich:
Aussenzius, Latmos, Olymp von Bithynien, Sinai und Athos. Heute gilt der
Beiname nur noch für Athos.
In
diesem Zusammenhang erscheint mir die Gestalt des Papstes Cölestin V. erwähnenswert,
ist er doch der einzige Papst in der Geschichte, der auf sein Amt
verzichtete und das schon nach nur viermonatiger Amtszeit. Dieser Pietro
da Morrone, so sein angenommener Priestername stammte aus Perugia. Sein
Hang zum Mystizismus ließ in bereits in jungen Jahren sein Leben als
Einsiedler in den Abruzzen verbringen. Als fast 80 jähriger wurde er auf
den päpstlichen Thron gewählt, konnte sich ebenso wenig gegen die Ränke
Karl II von Anjou zur Wehr setzen und wurde gezwungen, seinen Amtssitz
nach Neapel zu verlegen. Nach seiner Demission kehrte er zurück nach
Sulmona in den Abruzzen. Bonifazius VIII., sein Nachfolger, vordem engster
Berater des Cölestin V. befürchtete ob dessen Popularität ein Schisma.
Pietro da Morrone wollte sich absetzen nach Griechenland. Seiner geistigen
Herkunft zufolge konnte er nur den Athos als Ziel vor Augen haben.
Bonifazius VIII. vereitelte jedoch diesen Plan und Pietro starb 1296 in
seiner Festungshaft. Schon
eine Generation nach Johannes Vekkos sieht sich Byzanz ob seiner
Zwangslage an seinen Grenzen, die Dienste eines gewaltigen Söldnerheeres
aus Katalanien anzunehmen, welches nach verrichteter Aufgabe in Sizilien für
König Friedrich „arbeitslos“ geworden war. Unter der Führung des
Roger de Flor segelte dieses gewaltige Heer 1303 in das Goldene Horn ein.
Roger plante jedoch insgeheim ein eigenes Reich im Inneren von Anatolien.
1305 konnten sich die Byzantiner unter Kaiser Andronikos II. dieser Geisel
entledigen. 1304 bereits setzten die Katalanen nach Europa über und
suchten Thrakien durch Krieg und Verwüstung heim. Als die Katalanen endgültig
Byzanz verließen begann ein
Schreckensregiment. Aus Gallipoli an den Dardanellen machten sie einen
einzigen gigantischen Sklavenmarkt. Einzelne Raubzüge erreichten schon
damals den Athos. Verheerend wurde die Situation, als die Katalanen sich
auf der dem Athos benachbarten Halbinsel Kasandra einnisteten. Zudem
belegte Papst Clemens V. 1307 Kaiser Andronikos II. mit dem Kirchenbann,
womit er den Venezianern, die ähnliches wie den IV. Kreuzzug im Schilde führten,
in byzantinischen Augen seinen Segen gab. Für die Griechen manifestierte
sich das Übel der Welt im „papas“, dem Papst, die Katalanen als seine
höllischen Sendboten. Nachdem dieses Söldnerheer erfolglos Thessaloniki
belagerte, zog es nach Süden ab, gründete ein „Herzogtum Athen“ und
zerstreute sich letztendlich. Die dreifache Bedrängnis durch einen Papst sanktionierte
fernerhin die Kluft zwischen Ost- und Westkirche. 1312 änderte Kaiser Andronikos II. die Athosverfassung dahingehend ab, das
der Protos von Karyes unmittelbar dem ökumenischen Patriarchen von
Konstantinopel unterstellt war. Damit rettete er, wahrscheinlich
unwissend, den Bestand der Athosgemeinschaft durch die Zeit der
Osmanenherrschaft, denn diese betrachtete den Patriarchen als Ethnarchen,
als Führer des Griechenvolkes. Der Athos konnte überleben. Dem
serbischen Königreich unter Stephan Duschan (1331 – 1355) gelingt es,
seinen Herrschaftsbereich auch über die athonitische Halbinsel
auszudehnen und wirkt dabei mit, dass das 14. Jahrhundert zu dem
ganz großen Jahrhundert des Berges Athos wird ( Kloster
Chilandariou). Die Maler der kretischen Schule, wie Panselinos, Eutychios
oder Kaliergis schufen ihre Bilderzyklen. Die kostbarsten Heiligenbilder
entstanden, ebenso Mosaiken, Psalter und Evangeliare. Die Klöster Simonos
Petras, Dionysiou und Grigoriou entstanden. Das eigenartigste Ereignis
dieser Epoche stellt aber zweifelsfrei der „Hesychastenstreit“ dar.
Anlass war die Jahrhunderte alte Tradition der Anachoreten in ihrer
Mystik, der kontemplativen Ruhe (Hesychia). Das „Herzensgebet“, das in
seiner Form auf die Wüstenväter zurückgeht, bildet die Grundlage, an
dessen Höhepunkt der Begnadete imstande ist, jenes unerschaffene Licht zu
schauen, das die Apostel gesehen hatten, als sie die Verklärung Jesu am
Berg Tabor erlebten. Dieses „Taborische Licht“ sollte zum Zankapfel
werden. Ein gewisser Barlaam aus Kalabrien kam auf den Athos, dem der
Hesychasmus aus welchen wahren Gründen auch immer, in die Augen stach,
flugs nach Thessaloniki ging und dort in Wort und Schrift sich über den
Hesychasmus ereiferte. Hier, in Thessaloniki lehrte Gregorios Palamas, der
nun seinerseits scharf gegen Barlaam auftrat. 1341 wurde in Konstantinopel
für Palamas entschieden, aber die bürgerkriegsähnlichen Umtriebe
erreichen in Thessaloniki bereits ihren Zenit (Zelotenkriege). 1350 wird
Palamas abermals als Erzbischof inthronisiert. Die griechische Linie hatte
endgültig den Sieg über die Zwangslatinisierung davongetragen. Schon
damals hieß es, dass der Hesychasmus das Rückgrat der griechischen
Anti-Rom- Bewegung bildet, ausgehend von seinen geistigen Erben auf dem
Athos. Als
Thessaloniki nach dreijähriger Belagerung 1387 unter osmanische
Herrschaft gelangt (und damit auch der Athos) ändert sich für die Mönche
die Situation lediglich auf fiskalischer Ebene. Es gelingt zwar eine Rückeroberung
durch Byzanz, dafür bricht 1423 die venezianische Herrschaft über
Thessaloniki herein. Endgültig klären sich die Verhältnisse 1430, als
Murad II., Herrscher der Osmanen in Thessaloniki einzieht und es in den
osmanischen Reichsverbund integriert. Damit beginnt auch auf dem Athos die
türkische Herrschaft – bis 1912. Unter der Herrschaft der „Hohen
Pforte“ wurde keine einzige Kirche auf dem Athos in eine Moschee
umgewandelt, auch nicht als eine Generation später durch Mechmed II. 1453
Konstantinopel erobert wird. Die Rolle der Gönner, ursprünglich Kaiser
und Patriarchen zu Byzanz, wurde zunehmend von slawischen Fürsten übernommen.
Schenkungen serbischer, bulgarischer oder rumänischer Herrscherhäuser
sichern nun den Bestand des Athos. Zwangsläufig tritt eine Verweltlichung
in Form der „Idiorhytmie“ als Lebensform auf. Idiorhythmie bedeutet,
dass sich ein Mönch in ein Kloster einkaufen kann, eine Zelle, ein
Appartement oder einen ganzen Klostertrakt und womöglich noch seine
Dienerschaft mitbringt. Der Athos als Rückzugsgebiet reicher Leute, die
in den sicheren Klöstern ihren ungestörten Aufenthalt hatten. Immer häufiger
treten Streitigkeiten auf. Besitzgier, Grenzkonflikte unter Nachbarklöstern,
Verschuldung und Prasserei sind Inhalt eines Typikons von 1574, das ein
besonders trübes Sittengemälde der Athosgemeinschaft aufzeigt. Zwei
Patriarchen, Joakim I. (1498- 1504) und Jeremias II., der zwischen 1572-
95 regierte, prangerten diese Zustände an, erkannten den Niedergang des
Athos infolge Reichtums und Privilegienunwesen. Parallel dazu hatte
bereits ein Selbstreinigungsprozess begonnen. Skitai und Kellien erblühten
und die Kellioten bilden in dieser Zeit die Grundlage zur Besinnung auf
den wahren Wert der Mönchsgemeinschaft. Ist die
Entwicklung auf dem Athos einerseits verbunden mit den byzantinischen
Herrschern, so zeigt sich andererseits die Verbindung zu den slawischen Völkern
und deren Christianisierung. Belege dieses Vorganges finden sich bereits
944 im russisch- byzantinischen Vertrag. Es entwickelte sich ein reges mönchisches
Leben. In der 2. Hälfte des 11. Jhdt. wurde die Pecerskaja Lavra in Kiev
gegründet, dessen Regeln über die Vermittlung des Heiligen Berges
(Athos) übernommen werden. Bei der Entstehung einer orthodoxen
Gemeinschaft aus Griechen und Slawen spielt der Athos eine wesentliche
Rolle. Er kann oder will zwar die zentrifugalen Kräfte der beginnenden
nationalen Identifikation nicht unterbinden, jedoch kann er sie
kanalisieren, indem sie auf die kulturelle Tradition von Byzanz zurück
geführt werden. Dieser Aspekt führt ab dem 14. Jhdt. erst zu wirklichem
Wohlstand der Athos- Klöster unter serbischer Herrschaft. Zahlreiche
Schenkungen und die Klostergründung von Chilandariou mögen als Beispiel
gelten. Die
Ausstrahlung des Athos als Bewahrer der Orthodoxie bewährt sich besonders
zur Zeit des Bogumilenstreites, der das Werk der Slawenapostel und ihrer
Nachfolger auf eine harte Probe stellt. 1180 beruft deswegen Stephan
Nemanja, Großzupan von Serbien, ein Konzil ein, ebenso verfährt Zar
Boril von Bulgarien durch die Gesetzessammlung von Trnovo 1211. Die
Bogumilen werden vertrieben oder hingeschlachtet. Ihr letzter Zufluchtsort
ist Bosnien und Ende des 13. Jhdt. ist Bosnien das einzige Land in Europa,
wo sich die „Häretische“ Bewegung widerspiegelt. Die Orthodoxie im
Osten verzeichnet einen Sieg nach dem anderen über den Bogumilismus und
breitet sich in Russland und Rumänien aus, wo mit der Walachei und Moldau
!359, 1401) zwei neue Zentren entstehen. Fokussierend ist diese ganze
Entwicklung auf dem Athos durch jeweilige Gründungen abzulesen und es
wirkt sich dahingehend aus, dass nach der Machtübernahme durch die
„Hohe Pforte“ der Bestand des Athos nicht gefährdet ist. Die Türken
hatten schnell begriffen, dass sie – zahlenmäßig schwach und ohne
Erfahrung in der Verwaltung -
ihre Herrschaft nur sichern können, wenn sie die Elite der eroberten
Gesellschaften – Beamte, Aristokraten, hoher Klerus und die wichtigsten
Klöster – ermutigen können, die bisherigen Aufgaben weiterhin
wahrzunehmen, um ein Mindestmaß an politischer und gesellschaftlicher
Kontinuität aufrechtzuerhalten. Doch diese Kontinuität hat ihre
Schattenseiten: Sie stützt sich auf traditionelle Elite, die von den
neuen Machthabern erneut legitimiert wird. Sie ist reaktionär und
blockiert in Gang gekommene Entwicklungen. Die Orthodoxie, von den
Machthabern geduldet – aber nicht mehr – verfällt in eine Art
Winterschlaf. Anders auf dem Athos, der durch seine, inzwischen zahlreich
geschaffenen Verbindungen zu den slawischen Völkern einen regen Austausch
unterhält und bedacht durch zahlreiche Schenkungen von Ländereien und Klöstern
ein wirtschaftliches Fundament besitzt. Je mehr sich die Orthodoxie bei
den Slawen ausbreitet, desto mehr wird der Einfluss des Athos in diesen
Gesellschaften.
Mit dem
russisch- türkischen Krieg 1877 beginnt der Abstieg des Athos. Aus den
Donaufürstentümern, die jetzt Nationalstaaten bilden, fließen keine
Zuwendungen mehr. Lediglich die Klöster Zougraphou, Chilandariou und
Panteleimonos wurden von den jeweiligen Nationalitäten, also den
Bulgaren, den Serben und den Russen als nationale Kultstätten betrachtet
und dementsprechend gestützt. Die prekäre Lage wird größer, je schwächer
das osmanische Reich wird. Räuberbanden ziehen umher, Seeräubereien
verunsichern die Handelswege. Als 1912 die Osmanen den Athos verlassen,
melden die Bulgaren ihren Anspruch an und sie tun das mit Waffengewalt.
Der Kelliote Johannes Komvologas vom Kloster Grigoriou sammelt daraufhin
eine Schar beherzter Mönche um sich und gemeinsam mit dem griechischen
Polizeichef trieben sie die Bulgaren, die bereits in Karyes saßen, zurück
nach Zougraphou. Damit entschied sich das Schicksal des Athos zugunsten
Griechenlands. Die wirkliche, sichtbare Inbesitznahme des Athos durch
Griechenland symbolisiert die Reise König Konstantins im August 1913.
Ein letztes Mal in der bisherigen Geschichte des Athos versuchte die Obristenjunta von 1967 die letzten Mönche auf ein kleines Gebiet zusammenzudrängen und aus dem großen Rest des Athos ein Touristenzentrum zu machen. Als 1981 Griechenland der Europäischen Gemeinschaft beitritt, sehen sich die Mönche des Athos einer völlig neuen Perspektive gegenüber. Heute, als Weltkulturerbe und als Teil der EU findet auf dem Athos eine Wiederherstellung in allen Bereichen statt. Kaum ein Kloster, an dem nicht renoviert würde – und – seit dem Zusammenbruch des Ostblocks kommen auch wieder zahlreiche Mönche auf den Athos. St. Johann, den 17. Oktober 2001Manfred
G. Dinnes
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aktualisiert am 18.07.07 - Prof. M. Dinnes - eMail: galerie (@) dinnes.net - © by Dinnes.net
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