„Wirklichkeit beginnt im Kopf“
Über
das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken
von Manfred G. Dinnes
An
Stelle einer Einleitung
„Der kleinste Stein noch , birgt
jegliche Antwort in sich, welche dein Fragen umreißen könnte.
Jeder Halm, jegliches Geziefer – eine Meereswoge. Der kleinste
Teil von „Welt“ birgt alle Antworten, weil er Repräsentant
von Welt ist, weil das Ganze in ihm wirkt. Verborgen bleibt nur
das, von dem du nicht verstehst die richtige Frage zu
formulieren. Dann legst du achtlos den Stein beiseite, ohne
Bedauern zerquetscht die Blume unter deinem Fuß, eine Mücke stört
– die Woge flößt Angst ein. Frage und Antwort sind filigrane
Gebilde und die Richtung ihres Auftauchens ist im Voraus nicht
zu ahnen. Wir sind in der Regel gewohnt, nur jenes anzufragen,
von dem Antworten zu erwarten sind, die unser bisheriges Denken
bestätigen. Erscheint uns eine Antwort unverständlich, so wird
die Frage nicht revidiert. Nein – sie wird wiederholt, und
wieder, und wird hinausgebrüllt: Dann breitet sich zuerst eine
stille Leere aus wie bei einem Sog, der kurz bevorsteht. Schließlich
erhalten wir verzerrte Gebilde wie bei einem Echo, welche wir fälschlicherweise
für Antworten halten. Dabei sind sie nichts anderes, als
verzerrte Fragmente unserer Frage, gebrochen von tausend Graten
– unverständlich. An diesen Fragmenten ergötzen wir uns –
glauben Antworten in Händen zu halten und dabei sind es nur
Zerrbilder der eigenen Stagnation. Dieser Vorgang wiederholt und
wiederholt sich, bis so etwas „Drohend- Turmhaft“ entsteht
– ein Rätselturm. Dieser birgt keine einzige echte Antwort,
besteht er doch nur aus den eigenen verzerrten Fragefragmenten.
Aber er ist mächtig, dieser Rätselturm – und man vertraut
ihm, weil an ihn geglaubt wird.
Richtige
Antworten liegen derweil überall – in jedem Stein, in jedem
Blatt, in jedem Stern, der vom Himmel leuchtet...“
Dieser kurze Eintrag findet sich in
meinem Tagebuch im Jahre 1990, zu einer Zeit, in der ich an dem
Werk „Der West –Östliche Divan“, einer Hommage an Johann
Wolfgang v. Goethe arbeite, in einem Land, in dem nur zwei
Monate später ein alles verheerender Krieg ausbrechen wird, in
Bosnien. Die Bedeutung dieser wenigen Sätze wurde in rasender
Eile von der Gegenwart eingeholt in einem Maße, welche jede
Vorstellung in den Schatten stellt.
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„Gottes
ist der Orient!
Gottes
ist der Okzident!
Nord-
und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.“
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„Nord und West und Süd
zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich
Chisers Quell verjüngen.“
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„Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.
Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen, lass´ ich gelten;
Also zwischen Ost und Westen
Sich bewegen sei zum Besten."
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Das Netz an Erfahrungen, an Erlebtem,
der Wahrnehmungen und der Beziehungen untereinander postuliert
sich im Bild. Dieser Vorgang ist ein dynamischer Prozess.
Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., der
Denkapparat bezieht seine Quellen aus der Wahrnehmung,
andererseits wird die Wahrnehmung kontrolliert durch das Denken.
Während Denken
eher als etwas statisches zu betrachten ist, wird über die
Wahrnehmung eine dynamische Kategorie dem Denken zugeführt. Nur
über die Abstraktion können beide Mechanismen miteinander
verbunden sein. Nimmt eine dieser Funktionen überhand, kommt es
zu Fehlleistungen. Durch bloßes Anstarren gewinne ich keine
Begrifflichkeit vom Gegenstand. Ebenso wird durch das Denken
allein eine Stagnation, die sich auf Einfachstheit zurückzieht,
postuliert.
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„Wer wird von der Welt verlangen,
Was sie selbst vermisst und träumet,
Rückwärts oder seitwärts blickend
Stets den Tag des Tags versäumet?
Ihr Bemühn, ihr guter Wille
Hinkt nur nach dem raschen Leben,
Und was du vor Jahren brauchtest,
Möchte sie dir heute geben.“
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„Betrübt euch nicht, ihr guten Seelen!
Denn wer nicht fehlt, weiß wohl, wenn andre
fehlen;
Allein wer fehlt, der ist erst recht daran,
Er weiß nun deutlich, wie sie wohl getan.“
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Mir, als Findendem – nicht als
Suchendem, wird die Notwendigkeit der Bildwerdung zum
Sammelpunkt einer in Farbe, Form und Komposition gebrachten
Ordnung. Einer Ordnung jedoch, die sich stets verändert, einer
Ordnung die die gebrochene Form in ihrer Wandelbarkeit
anerkennt. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges fließen
zusammen in einen Punkt, der zeitlos ist – weil er nun selbst
Zeit ist.
Wirklichkeit
beginnt im Kopf, und nicht das Wort steht am Anfang, sondern das
Bild. Nur was ich wahrzunehmen vermag, kann ich definieren, kann
dem einen Begriff verleihen, was mir als Gegenüber in
Erscheinung tritt. Der Inhalt der Bildwerdung ist der Gang des
Geistes, der mit der Existenz unmittelbar verbunden ist durch
die Handlung. Die Vorstellung, das Bild müsse das zum Ausdruck
bringen, was sich als gemeinsamer Nenner in Form von
Wiedererkennbarkeit bestätigt, bedeutet Stagnation des Geistes,
führt nicht zu größerer Wahrnehmung, sondern zu trivialer
Falschnehmung. Das Bild ist nicht Bestätigung des eigenen Seins
in Welt, sonder bedeutet Welt, die durch das Sein erfahrbar
wird. Das Vermögen des menschlichen Geistes besteht darin, sich
ein Bild zu machen, an dem er Orientierung findet. Dieses
„Sich ein Bild machen“ ist ein immerwährender Prozess. „Panta
rhei“, sagt Heraklit – „Alles ist in Fluss.“ Auch unsere
Denkwelt ist hier mit einzubeziehen in diese Bewegung. Bewegung
aber bedeutet Veränderung. Wir bewegen uns innerhalb der
bewegten Welt, sind Teil von ihr, ebenso wie Welt ein Teil von
uns ist. Ein Wahrnehmungsakt ist nie isoliert; er ist nur die jüngste
Phase eines Ablaufs unendlich vieler ähnlicher Akte, die in der
Vergangenheit ausgeführt wurden und im Gedächtnis fortleben.
Und ebenso werden zukünftige Wahrnehmungen von den gegenwärtigen
vorgeformt, die ihrerseits aufgespeichert und den ihnen
vorhergehenden angepasst worden sind. Wahrnehmung und Denken
bedingen sich gegenseitig, d. h., einerseits muss der
Denkapparat ständig mit der Außenwelt über seine Sinne in
Verbindung stehen, andererseits muss das zu Wahrnehmende bereits
während des Vorganges so behandelt werden, das es für das
Denken brauchbar ist. Wäre es anders, so entglitte bereits beim
Wahrnehmen die ungeheuere Fülle von Sinneseindrücken in die
Orientierungslosigkeit. Einmal bestehende Wahrnehmungsinhalte müssen
also zwangsläufig auf eine gemeinsame Basis hin korrigiert
werden in dem Moment, wo eine neue Wahrnehmung aufgenommen wird.
Das Verständnis
der eigenen Existenz des Menschen in seinem Umfeld wird nicht
dadurch begreifbar, dass er Rückgriffe auf bestehende Bilder
vornimmt. Auf diese Weise illustriert sich das Individuum im
bereits Bestehendem, verkarrikiert sich bis zur
Wahrnehmungssperre. Dies ist dann eine Welt der Ismen, die längst
von der jeweiligen Gegenwart überholt wurde, an der aber
festgehalten wird. Geschichte wird dadurch nicht lebendig,
sondern der Mensch dieser Gesellschaften bezeugt eher, das er
kein Geschichtsbewusstsein vorzuweisen hat. Dieses Diktat der
vorgeformten, zementierten Begrifflichkeiten führt zu einer
Versorgungsmentalität in allen gesellschaftlichen Prozessen.
Die Freiheit einer Gesellschaft und der Kunst besteht jedoch
darin, Inhalte der Wahrnehmung und das Denken zu verknüpfen -
sinnvoll zu verknüpfen.
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„Hochbeglückt in deiner Liebe,
Schelt´ ich nicht Gelegenheit;
Ward sie auch an dir zum Diebe,
Wie mich solch ein Raub erfreut.
Und wozu denn auch berauben?
Gib dich mir aus freier Wahl;
Gar zu gerne möcht´ ich glauben –
Ja, ich bin´s, die dich bestahl:
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Was so willig du gegeben,
Bringt dir herrlichen Gewinn,
Meine Ruh´, mein reiches Leben
Geb´ ich freudig, nimm es hin!
Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
Macht uns nicht die Liebe reich?
Halt´ ich dich in meinen Armen,
Jedem Glück ist meines gleich.“
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Im
Juli 1990 beginnt Dinnes mit dem Werk „Der West Östliche Divan“, eine
Hommage an Johann Wolfgang von Goethe. Hier in Pocitelj an der Neretva,
unweit von Mostar ist es die Ruhe und Abgeschiedenheit, die es erlaubt, in
der nötigen Konzentration ein Werk zu erstellen, das für die nächsten
Monate das Leben des Malers bestimmen wird. Hier, am Schnittpunkt
mannigfaltiger Kulturkreise, die weit in die Vergangenheit reichen, die
sich wie bei einem Wirbel gegenseitig überlagern, bis die Dinge nicht
mehr durchschaubar sind, nicht mehr erkennbar ist, was Ursache und was
Wirkung ist, versucht Dinnes systematisch aus seinem Bildnerischen Denken
heraus Antworten zu finden. Es entsteht Bild um Bild, wie Perlen auf eine
Schnur gereiht. Keine Illustration der Gegebenheiten, nicht das visuell
"Augen - Scheinliche", sondern ein Impuls der zum Sammelpunkt
der Vielfalt des Vokabulars des Lebens selbst wird. Genau hier ist die
Schnittstelle zu suchen, weshalb Dinnes dieses Werk Johann Wolfgang von
Goethe widmet. Ein kosmopolitischer Geist, der zusammenfügt was bis dato
unvorstellbar, der Fragen aufwirft, wo niemand Bedarf vermutet. Bei Dinnes
sind es Bildwerke, die eine Ahnung von Zeittriften
zum Erscheinen bringen. Ohne Pathos und ohne erhobenem Zeigefinger.
Der „West – Östliche Divan“
Hommage
an Johann Wolfgang von Goethe
Ein
zyklisches Werk bestehend aus vierzig Exponaten
Entstanden
im Zeitraum Juni bis Oktober 1990
Pociteli /
Herzegovina, Lago di Bolsena /
Latium,
Sutri / Latium, Monterigione / Toskana,
Castiglione della Pescaia / Toskana, La Punt /
Engadin,
Obermühl
/ Austria ( Schlögener Donauschleife )
Eitempera,
Kaseintempera, Kreide, Aquarell auf grundiertem Bütten,
Halbkreidegrund
mit Störleim, Pigmente in Emulsion gelöst.
Orginalgröße
ca.: Höhe – 640mm, Breite – 760 mm
Das zyklische Werk war bisher ausgestellt
in:
1990 : Galerija Novi Hram, Sarajevo 1990
: Kunststation
Kleinsassen / Rhön 1991 :
Bischöfliches Ordinariat, Regensburg ;
II. Kunsttage, Gelnhausen
;
1992
: Oberpfälzer Künstlerhaus,
Kebbl- Villa, Schwandorf
; 1992
: Das
Ukrainische Passagierschiff MS- Moldavia
wird zur schwimmenden Galerie und fährt
die Donau
bis zur Mündung. Ausstellungsstationen
sind:Passau – Linz – Wien –
Bratislawa – Budapest
– Calafat – Giurgiou –
Ismail.
1993
: West-Ost
Museum, Odessa,Ukraine; Kunst- und Kulturhaus,
Cherson, Ukraine
;
1994 :
Kulturhaus, Nikolaew, Ukraine
;
Städt.
Museum, Charkow, Ukraine
; Ukrainisches Kunsthaus, Kiew, Ukraine
; 1995
: Galerie des
Kunst- u. Gewerbevereins, Regensburg
; 1996
: Galerie Burg
Podsreda, Kozjanski Park, Slowenien
; 2001 :
Haus der Begegnung / Dreifaltigkeitskirche, Ulm
1995
erschien dieser Zyklus in Buchform im MITTELBAYERISCHEN BUCH UND
VERLAGSHAUS, REGENSBURG unter dem Titel: SARAJEWO – ein bosnisches Tagebuch
ISBN 3-927529-01-X
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Aus einer
solchen Konstellation erwachsen die Gedankenbilder, ohne die der
Mensch nicht auskommt. Diese innere Schau erzeugt eine
Einstellung, die einer möglichen Struktur der Dinge ein mögliches
Bild von Welt zur Seite stellt. Innerhalb dieses Faktorennetzes
bewege ich mich als Maler. Es ist der forschende Geist, der
Resultate zeitigt, mit denen wir VERSTEHEN lernen.
Die Kategorisierungen innerhalb meiner
Bildwerdungen deuten auf jene Schnittstellen menschlichen
Geistes, an denen sich Idee formiert – geboren wird. „Ich
male meine Antworten dem Leben entgegen“ bedeutet die
Akzeptanz der Handlungsbereitschaft, die über das bloße
Kunstwerk hinausreicht, das eigene Dasein, die Lebensform selbst
mit einbezieht. Dieses Humanum wird im Kunstwerk formiert,
existent jedoch muss es im Menschsein werden. Der Mensch ist der
Schauplatz der Dinge, die er als Idee entwirft, als Bild
formiert und als Modell entwickelt.
Die hier vorgestellte Arbeit
„Wahrnehmung und Falschnehmung der Zeit“ Ist eine
interdisziplinäre Arbeit, entstanden aus einem Dialog zwischen
Dr. Nadim Sradj und Prof. Manfred G. Dinnes unter Berücksichtigung
interkultureller Aspekte.
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