[ Home ] [ Aktuelles ] [ Projekte ] [ Galerie ] [ Presse ] [ Links ] [ Forum ] [ Kontakt ]

 

              PROJEKT:"KAIROS"              

  [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [18]  

                               [ zurück zum Anfang ] [ home ] [ nächste Seite ]

 

Tafel 09

 Die Irrationalität von Natur und Geschichte. Auflösung des Konstanten (Lichtgeschwindigkeit und Quantenkonstante)

 

„Wirklichkeit beginnt im Kopf“

Über das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken

 

„Der kleinste Stein noch , birgt jegliche Antwort in sich, welche dein Fragen umreißen könnte. Jeder Halm, jegliches Geziefer – eine Meereswoge. Der kleinste Teil von „Welt“ birgt alle Antworten, weil er Repräsentant von Welt ist, weil das Ganze in ihm wirkt. Verborgen bleibt nur das, von dem du nicht verstehst die richtige Frage zu formulieren. Dann legst du achtlos den Stein beiseite, ohne Bedauern zerquetscht die Blume unter deinem Fuß, eine Mücke stört – die Woge flößt Angst ein. Frage und Antwort sind filigrane Gebilde und die Richtung ihres Auftauchens ist im Voraus nicht zu ahnen. Wir sind in der Regel gewohnt, nur jenes anzufragen, von dem Antworten zu erwarten sind, die unser bisheriges Denken bestätigen. Erscheint uns eine Antwort unverständlich, so wird die Frage nicht revidiert. Nein – sie wird wiederholt, und wieder, und wird hinausgebrüllt: Dann breitet sich zuerst eine stille Leere aus wie bei einem Sog, der kurz bevorsteht. Schließlich erhalten wir verzerrte Gebilde wie bei einem Echo, welche wir fälschlicherweise für Antworten halten. Dabei sind sie nichts anderes, als verzerrte Fragmente unserer Frage, gebrochen von tausend Graten – unverständlich. An diesen Fragmenten ergötzen wir uns – glauben Antworten in Händen zu halten und dabei sind es nur Zerrbilder der eigenen Stagnation. Dieser Vorgang wiederholt und wiederholt sich, bis so etwas „Drohend- Turmhaft“ entsteht – ein Rätselturm. Dieser birgt keine einzige echte Antwort, besteht er doch nur aus den eigenen verzerrten Fragefragmenten. Aber er ist mächtig, dieser Rätselturm – und man vertraut ihm, weil an ihn geglaubt wird.

Richtige Antworten liegen derweil überall – in jedem Stein, in jedem Blatt, in jedem Stern, der vom Himmel leuchtet...“

 

Dieser kurze Eintrag findet sich in meinem Tagebuch im Jahre 1990, zu einer Zeit, in der ich an dem Werk „Der West –Östliche Divan“, einer Hommage an Johann Wolfgang v. Goethe arbeite, in einem Land, in dem nur zwei Monate später ein alles verheerender Krieg ausbrechen wird, in Bosnien. Die Bedeutung dieser wenigen Sätze wurde in rasender Eile von der Gegenwart eingeholt in einem Maße, welche jede Vorstellung in den Schatten stellt.

 

Das Netz an Erfahrungen, an Erlebtem, der Wahrnehmungen und der Beziehungen untereinander postuliert sich im Bild. Dieser Vorgang ist ein dynamischer Prozess. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., der Denkapparat bezieht seine Quellen aus der Wahrnehmung, andererseits wird die Wahrnehmung kontrolliert durch das Denken. Während  Denken eher als etwas statisches zu betrachten ist, wird über die Wahrnehmung eine dynamische Kategorie dem Denken zugeführt. Nur über die Abstraktion können beide Mechanismen miteinander verbunden sein. Nimmt eine dieser Funktionen überhand, kommt es zu Fehlleistungen. Durch bloßes Anstarren gewinne ich keine Begrifflichkeit vom Gegenstand. Ebenso wird durch das Denken allein eine Stagnation, die sich auf Einfachstheit zurückzieht, postuliert.

Mir, als Findendem – nicht als Suchendem, wird die Notwendigkeit der Bildwerdung zum Sammelpunkt einer in Farbe, Form und Komposition gebrachten Ordnung. Einer Ordnung jedoch, die sich stets verändert, einer Ordnung die die gebrochene Form in ihrer Wandelbarkeit anerkennt. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges fließen zusammen in einen Punkt, der zeitlos ist – weil er nun selbst Zeit ist.

Wirklichkeit beginnt im Kopf, und nicht das Wort steht am Anfang, sondern das Bild. Nur was ich wahrzunehmen vermag, kann ich definieren, kann dem einen Begriff verleihen, was mir als Gegenüber in Erscheinung tritt. Der Inhalt der Bildwerdung ist der Gang des Geistes, der mit der Existenz unmittelbar verbunden ist durch die Handlung. Die Vorstellung, das Bild müsse das zum Ausdruck bringen, was sich als gemeinsamer Nenner in Form von Wiedererkennbarkeit bestätigt, bedeutet Stagnation des Geistes, führt nicht zu größerer Wahrnehmung, sondern zu trivialer Falschnehmung. Das Bild ist nicht Bestätigung des eigenen Seins in Welt, sonder bedeutet Welt, die durch das Sein erfahrbar wird. Das Vermögen des menschlichen Geistes besteht darin, sich ein Bild zu machen, an dem er Orientierung findet. Dieses „Sich ein Bild machen“ ist ein immerwährender Prozess. „Panta rhei“, sagt Heraklit – „Alles ist in Fluss.“ Auch unsere Denkwelt ist hier mit einzubeziehen in diese Bewegung. Bewegung aber bedeutet Veränderung. Wir bewegen uns innerhalb der bewegten Welt, sind Teil von ihr, ebenso wie Welt ein Teil von uns ist. Ein Wahrnehmungsakt ist nie isoliert; er ist nur die jüngste Phase eines Ablaufs unendlich vieler ähnlicher Akte, die in der Vergangenheit ausgeführt wurden und im Gedächtnis fortleben. Und ebenso werden zukünftige Wahrnehmungen von den gegenwärtigen vorgeformt, die ihrerseits aufgespeichert und den ihnen vorhergehenden angepasst worden sind. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., einerseits muss der Denkapparat ständig mit der Außenwelt über seine Sinne in Verbindung stehen, andererseits muss das zu Wahrnehmende bereits während des Vorganges so behandelt werden, das es für das Denken brauchbar ist. Wäre es anders, so entglitte bereits beim Wahrnehmen die ungeheuere Fülle von Sinneseindrücken in die Orientierungslosigkeit. Einmal bestehende Wahrnehmungsinhalte müssen also zwangsläufig auf eine gemeinsame Basis hin korrigiert werden in dem Moment, wo eine neue Wahrnehmung aufgenommen wird.

 

Das Verständnis der eigenen Existenz des Menschen in seinem Umfeld wird nicht dadurch begreifbar, dass er Rückgriffe auf bestehende Bilder vornimmt. Auf diese Weise illustriert sich das Individuum im bereits Bestehendem, verkarrikiert sich bis zur Wahrnehmungssperre. Dies ist dann eine Welt der Ismen, die längst von der jeweiligen Gegenwart überholt wurde, an der aber festgehalten wird. Geschichte wird dadurch nicht lebendig, sondern der Mensch dieser Gesellschaften bezeugt eher, das er kein Geschichtsbewusstsein vorzuweisen hat. Dieses Diktat der vorgeformten, zementierten Begrifflichkeiten führt zu einer Versorgungsmentalität in allen gesellschaftlichen Prozessen. Die Freiheit einer Gesellschaft und der Kunst besteht jedoch darin, Inhalte der Wahrnehmung und des Denkens zu verknüpfen -  sinnvoll zu verknüpfen.

Aus einer solchen Konstellation erwachsen die Gedankenbilder, ohne die der Mensch nicht auskommt. Diese innere Schau erzeugt eine Einstellung, die einer möglichen Struktur der Dinge ein mögliches Bild von Welt zur Seite stellt. Innerhalb dieses Faktorennetzes bewege ich mich als Maler. Es ist der forschende Geist, der Resultate zeitigt, mit denen wir VERSTEHEN lernen.

Die Kategorisierungen innerhalb meiner Bildwerdungen deuten auf jene Schnittstellen menschlichen Geistes, an denen sich Idee formiert – geboren wird. „Ich male meine Antworten dem Leben entgegen“ bedeutet die Akzeptanz der Handlungsbereitschaft, die über das bloße Kunstwerk hinausreicht, das eigene Dasein, die Lebensform selbst mit einbezieht. Dieses Humanum wird im Kunstwerk formiert, existent jedoch muss es im Menschsein werden. Der Mensch ist der Schauplatz der Dinge, die er als Idee entwirft, als Bild formiert und als Modell entwickelt.

Die hier vorgestellte Arbeit „Wahrnehmung und Falschnehmung der Zeit“ Ist eine interdisziplinäre Arbeit, entstanden aus einem Dialog zwischen Dr. Nadim Sradj und Prof. Manfred G. Dinnes unter Berücksichtigung interkultureller Aspekte.

Regensburg, Germany, im September 2002

Prof. Manfred G. Dinnes

 

Conception, idea and realisation by Dr. Nadim Sradj and Prof. Manfred G. Dinnes  -  © Copyright by Sradj / Dinnes 2002

 

naechste Seite ]

 


aktualisiert am 12.09.08 von Prof. M. Dinnes    -   © by Dinnes.net