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PROJEKT:"KAIROS" [ zurück zum Anfang ] [ home ] [ nächste Seite ] |
Tafel
09
Die
Irrationalität von Natur und Geschichte. Auflösung des Konstanten
(Lichtgeschwindigkeit und Quantenkonstante) |
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„Wirklichkeit
beginnt im Kopf“
Über
das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken
„Der
kleinste Stein noch , birgt jegliche Antwort in sich, welche dein Fragen
umreißen könnte. Jeder Halm, jegliches Geziefer – eine Meereswoge.
Der kleinste Teil von „Welt“ birgt alle Antworten, weil er Repräsentant
von Welt ist, weil das Ganze in ihm wirkt. Verborgen bleibt nur das, von
dem du nicht verstehst die richtige Frage zu formulieren. Dann legst du
achtlos den Stein beiseite, ohne Bedauern zerquetscht die Blume unter
deinem Fuß, eine Mücke stört – die Woge flößt Angst ein. Frage
und Antwort sind filigrane Gebilde und die Richtung ihres Auftauchens
ist im Voraus nicht zu ahnen. Wir sind in der Regel gewohnt, nur jenes
anzufragen, von dem Antworten zu erwarten sind, die unser bisheriges
Denken bestätigen. Erscheint uns eine Antwort unverständlich, so wird
die Frage nicht revidiert. Nein – sie wird wiederholt, und wieder, und
wird hinausgebrüllt: Dann breitet sich zuerst eine stille Leere aus wie
bei einem Sog, der kurz bevorsteht. Schließlich erhalten wir verzerrte
Gebilde wie bei einem Echo, welche wir fälschlicherweise für Antworten
halten. Dabei sind sie nichts anderes, als verzerrte Fragmente unserer
Frage, gebrochen von tausend Graten – unverständlich. An diesen
Fragmenten ergötzen wir uns – glauben Antworten in Händen zu halten
und dabei sind es nur Zerrbilder der eigenen Stagnation. Dieser Vorgang
wiederholt und wiederholt sich, bis so etwas „Drohend- Turmhaft“
entsteht – ein Rätselturm. Dieser birgt keine einzige echte Antwort,
besteht er doch nur aus den eigenen verzerrten Fragefragmenten. Aber er
ist mächtig, dieser Rätselturm – und man vertraut ihm, weil an ihn
geglaubt wird. Richtige
Antworten liegen derweil überall – in jedem Stein, in jedem Blatt, in
jedem Stern, der vom Himmel leuchtet...“ Dieser
kurze Eintrag findet sich in meinem Tagebuch im Jahre 1990, zu einer
Zeit, in der ich an dem Werk „Der West –Östliche Divan“, einer
Hommage an Johann Wolfgang v. Goethe arbeite, in einem Land, in dem nur
zwei Monate später ein alles verheerender Krieg ausbrechen wird, in
Bosnien. Die Bedeutung dieser wenigen Sätze wurde in rasender Eile von
der Gegenwart eingeholt in einem Maße, welche jede Vorstellung in den
Schatten stellt. |
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Das
Netz an Erfahrungen, an Erlebtem, der Wahrnehmungen und der Beziehungen
untereinander postuliert sich im Bild. Dieser Vorgang ist ein
dynamischer Prozess. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig,
d. h., der Denkapparat bezieht seine Quellen aus der Wahrnehmung,
andererseits wird die Wahrnehmung kontrolliert durch das Denken. Während
Denken eher als etwas statisches zu betrachten ist, wird über
die Wahrnehmung eine dynamische Kategorie dem Denken zugeführt. Nur über
die Abstraktion können beide Mechanismen miteinander verbunden sein.
Nimmt eine dieser Funktionen überhand, kommt es zu Fehlleistungen.
Durch bloßes Anstarren gewinne ich keine Begrifflichkeit vom
Gegenstand. Ebenso wird durch das Denken allein eine Stagnation, die
sich auf Einfachstheit zurückzieht, postuliert. Mir,
als Findendem – nicht als Suchendem, wird die Notwendigkeit der
Bildwerdung zum Sammelpunkt einer in Farbe, Form und Komposition
gebrachten Ordnung. Einer Ordnung jedoch, die sich stets verändert,
einer Ordnung die die gebrochene Form in ihrer Wandelbarkeit anerkennt.
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges fließen zusammen in einen
Punkt, der zeitlos ist – weil er nun selbst Zeit ist. Wirklichkeit beginnt im Kopf, und nicht das Wort steht am Anfang, sondern das Bild. Nur was ich wahrzunehmen vermag, kann ich definieren, kann dem einen Begriff verleihen, was mir als Gegenüber in Erscheinung tritt. Der Inhalt der Bildwerdung ist der Gang des Geistes, der mit der Existenz unmittelbar verbunden ist durch die Handlung. Die Vorstellung, das Bild müsse das zum Ausdruck bringen, was sich als gemeinsamer Nenner in Form von Wiedererkennbarkeit bestätigt, bedeutet Stagnation des Geistes, führt nicht zu größerer Wahrnehmung, sondern zu trivialer Falschnehmung. Das Bild ist nicht Bestätigung des eigenen Seins in Welt, sonder bedeutet Welt, die durch das Sein erfahrbar wird. Das Vermögen des menschlichen Geistes besteht darin, sich ein Bild zu machen, an dem er Orientierung findet. Dieses „Sich ein Bild machen“ ist ein immerwährender Prozess. „Panta rhei“, sagt Heraklit – „Alles ist in Fluss.“ Auch unsere Denkwelt ist hier mit einzubeziehen in diese Bewegung. Bewegung aber bedeutet Veränderung. Wir bewegen uns innerhalb der bewegten Welt, sind Teil von ihr, ebenso wie Welt ein Teil von uns ist. Ein Wahrnehmungsakt ist nie isoliert; er ist nur die jüngste Phase eines Ablaufs unendlich vieler ähnlicher Akte, die in der Vergangenheit ausgeführt wurden und im Gedächtnis fortleben. Und ebenso werden zukünftige Wahrnehmungen von den gegenwärtigen vorgeformt, die ihrerseits aufgespeichert und den ihnen vorhergehenden angepasst worden sind. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., einerseits muss der Denkapparat ständig mit der Außenwelt über seine Sinne in Verbindung stehen, andererseits muss das zu Wahrnehmende bereits während des Vorganges so behandelt werden, das es für das Denken brauchbar ist. Wäre es anders, so entglitte bereits beim Wahrnehmen die ungeheuere Fülle von Sinneseindrücken in die Orientierungslosigkeit. Einmal bestehende Wahrnehmungsinhalte müssen also zwangsläufig auf eine gemeinsame Basis hin korrigiert werden in dem Moment, wo eine neue Wahrnehmung aufgenommen wird. |
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Das
Verständnis der eigenen Existenz des Menschen in seinem Umfeld wird
nicht dadurch begreifbar, dass er Rückgriffe auf bestehende Bilder
vornimmt. Auf diese Weise illustriert sich das Individuum im bereits
Bestehendem, verkarrikiert sich bis zur Wahrnehmungssperre. Dies ist
dann eine Welt der Ismen, die längst von der jeweiligen Gegenwart überholt
wurde, an der aber festgehalten wird. Geschichte wird dadurch nicht
lebendig, sondern der Mensch dieser Gesellschaften bezeugt eher, das er
kein Geschichtsbewusstsein vorzuweisen hat. Dieses Diktat der
vorgeformten, zementierten Begrifflichkeiten führt zu einer
Versorgungsmentalität in allen gesellschaftlichen Prozessen. Die
Freiheit einer Gesellschaft und der Kunst besteht jedoch darin, Inhalte
der Wahrnehmung und des Denkens zu verknüpfen -
sinnvoll zu verknüpfen. Aus
einer solchen Konstellation erwachsen die Gedankenbilder, ohne die der
Mensch nicht auskommt. Diese innere Schau erzeugt eine Einstellung, die
einer möglichen Struktur der Dinge ein mögliches Bild von Welt zur
Seite stellt. Innerhalb dieses Faktorennetzes bewege ich mich als Maler.
Es ist der forschende Geist, der Resultate zeitigt, mit denen wir
VERSTEHEN lernen. Die
Kategorisierungen innerhalb meiner Bildwerdungen deuten auf jene
Schnittstellen menschlichen Geistes, an denen sich Idee formiert –
geboren wird. „Ich male meine Antworten dem Leben entgegen“ bedeutet
die Akzeptanz der Handlungsbereitschaft, die über das bloße Kunstwerk
hinausreicht, das eigene Dasein, die Lebensform selbst mit einbezieht.
Dieses Humanum wird im Kunstwerk formiert, existent jedoch muss es im
Menschsein werden. Der Mensch ist der Schauplatz der Dinge, die er als
Idee entwirft, als Bild formiert und als Modell entwickelt. Die
hier vorgestellte Arbeit „Wahrnehmung und Falschnehmung der Zeit“
Ist eine interdisziplinäre Arbeit, entstanden aus einem Dialog zwischen
Dr. Nadim Sradj und Prof. Manfred G. Dinnes unter Berücksichtigung
interkultureller Aspekte. Regensburg,
Germany, im September 2002
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Conception, idea and realisation by Dr. Nadim Sradj and Prof. Manfred G. Dinnes - © Copyright by Sradj / Dinnes 2002 |
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aktualisiert am 31.08.05 von Prof. M. Dinnes - © by Dinnes.net
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