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Tafel 07
Zeit
und Zeitlichkeit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es erfolgreiche
Bestrebungen, die Möglichkeiten der nichteuklidischen Geometrie zu ergründen
(Bolyai, Lobaschewski und Riemann), während die Zeit auf eine einzige
Dimension beschränkt blieb. Die sinnesphysiologische Forschung, die
parallel dazu verlief, entdeckte und bewies, dass der Sehraum
prinzipiell nichteuklidisch ist. In der Wahrnehmungspathologie ging die Metamorphopsie
teilweise mit Scheinbewegungen und
Objektunruhe einher, so dass die Zeitverzerrung zum Thema wurde. Durch
die Konzentration der Opthalmologie der klinischen Psychologie auf die
quantitativen Aspekte der Wahrnehmung und die Technologie wurden die
Forschungsergebnisse der Sinnesphysiologen wie Helmholtz, Hering, Mach,
Wundt und andere, vernachlässigt. Zeit findet aus physiologischer Sicht ihre
Konkretisierung im Puls- bzw. Herzschlag oder in anderen biologischen
Aktivitäten, im Biorhythmus. Die Schwankungen der Zeitempfindung
entsprechen der Befindlichkeit und den Stimmungen des menschlichen Körpers.
Sie schwanken von der beschleunigten Chronodynamik bis hin zur
Chronostasis, d.h. zum Stillstand der Zeit, zum Ende des Lebendigen, zum
Tod. Die andere Form der Wahrnehmungspathologie, die nach
Drogeneinnahme erlebt wird, wurde in der psychedelischen Kunst
beschrieben. In diesem Falle ist jedoch das Bewusstsein so verändert,
dass ein solches Experiment als künstlich und willkürlich und damit
als kontraproduktiv und wissenschaftlich gesehen sinnlos und ungültig
betrachtet werden muss. In der Schizophrenie und Depression treten
Wahrnehmungsanomalien auf, die mit schweren Bewusstseinsstörungen
verbunden sind und daher beim Beobachter nur „Aha-Erlebnisse“ auslösen
können. In der Wahrnehmungsphysiologie wird der Biorhythmus und die
Koordination der äußeren reversiblen mit der inneren irreversiblen
Zeitempfindung und mit anderen Sinnesorganen zu einer Zeitgestalt
verwandelt und bildet eine stabile
Orientierungsachse. Die
Gestalttheorie hat ihre Gesetzmäßigkeiten des Sehens in Ruhe und
Bewegung der Wahrnehmungsphysiologie entnommen. Die Reizschwelle der
Zeitempfindung hängt von individuellen chemo-elektrischen Prozessen ab,
die mit senso-neuronalen Vorgängen einhergehen. Man spricht von „Dynaxity“
(Dynamik und Komplexität) der Wahrnehmung, deren Elemente den
schwankenden Beziehungen unterliegen und dadurch dem Beobachter
Schwierigkeiten bei der Erfassung der Außenwelt bereiten können. Die
Synopsis dieser Analysen gipfelt in dem Grundsatz Helmholtz’: „Die
Geschichte der älteren Wahrnehmungslehre deckt sich mit der Geschichte
der Philosophie“. Damit wird sichtbar, dass das Weltbild und der
Weltbegriff zusammenfallen.
Im Gegensatz dazu beschränkt sich die „neuere“ Wahrnehmungslehre
auf Datenanalyse und Übertragung von Ergebnissen von Tierversuchen auf
den Menschen (von Maus auf Mensch). Die ernste Auseinandersetzung
zwischen Philosophie und Wahrnehmungsphysiologie gipfelte in dem Buch
von Helmholtz „Die
Tatsachen der Wahrnehmung“, in dem er Kant kritisiert: „Kant ist bei
seiner Behauptung, dass räumliche Verhältnisse, die den Axiomen des
Euklid widersprächen, überhaupt nicht einmal vorgestellt werden könnten.“
Schon vor der Entdeckung der Informationstheorie hatte Helmholtz die
Wahrnehmung als „Zeichenerkenntnis“ definiert. So gesehen, erscheint
die Wirklichkeit als Summe der Symbole, deren Deutung die
Intersubjektivität der Beobachter ausmacht. Ernst Mach hatte mit seiner
Ablehnung der absoluten Zeit und des absoluten Raumes (einschließlich
der absoluten Geometrie) den Weg für die allgemeine Relativitätstheorie
bereitet. Seine sinnesphysiologische und psychophysikalische Forschung
hatte interdisziplinären Charakter. Er betrachtete den
Wahrnehmungsapparat als
eine Einrichtung, die komplexe Außenwelt auf einfachste Weise zu
beschreiben. Diese Betrachtungsweise des Beobachters unterliegt den
Regeln der „Denkökonomie“. Dieses Ökonomieprinzipe besteht darin,
die Anpassung der Gedanken aneinander und an die Tatsachen der
Empfindungen zu koordinieren.
Der Wahrnehmungsakt ist eine Leistung des Bewusstseins, um Elemente zu
einer Einheit, einer Struktur zusammenzufassen. Die Abstraktion
hat die Funktion, Erfahrungen durch Erkenntnisse zu ersetzen. In seinem
Buch „Erkenntnis und Irrtum“ beschreibt Mach die wissenschaftliche
Arbeit als „trial and error“. Versuch und Irrtum fließen aus
denselben Quellen; nur der Erfolg vermag beide zu scheiden. Der klar
erkannte Irrtum ist als korrektiv ebenso erkenntnisfördernd, wie die
positive Erkenntnis. Hier gilt der allgemeine Spruch: nichts ist der
Wahrheit näher als der Irrtum. Normales und Anormales, Gesundheit und
Krankheit, Wahrnehmung und Falschnehmung bedingen einander. Popper
formulierte sinngemäß: der Fortschritt ist nur durch Fehlschritt
denkbar. In der Wahrnehmungspathologie der reinen visuellen Störungen
erlebt der Betroffene seine Dysmorphopsie (falsche Gestaltwahrnehmung),
Dyschromatopsie (falsche Farbwahrnehmung), Scheinbewegungen und
Objektunruhe eine Art
Transzendenz des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Diese
Wahrnehmungsanomalie ist für den Patienten nicht beschreibbar und für
den gesunden Menschen nicht nachvollziehbar. Dies ist die Metaphysik der
Wahrnehmung.
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aktualisiert am 31.08.05 von Prof. M. Dinnes - © by Dinnes.net
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