|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
PROJEKT:"KAIROS" [ zurück zum Anfang ] [ home ] [ naechste Seite ] |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Studie zur Wahrnehmungsphysiologie Wahrnehmung und Falschnehmung von Raum und Zeit Dr. Nadim Sradj / Prof. Manfred G. Dinnes 2002
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Zusammenfassung
|
|
Dimensionen |
Bewegungs- formen |
Struktur |
Reversibilität |
Wissenschaftl. Darstellung |
|
|
euklidisch |
1 |
linear |
einfachst |
V
= Z
symmetrisch |
|
|
hyperbolisch |
1 |
Krümmungkonkav |
einfach |
V
~ Z
( "
) |
|
|
sphärisch |
1 |
Krümmungkonvex |
einfach |
V
~ Z
( "
) |
|
|
fraktal |
1 - ¥ |
nichtlinear |
komplex |
V … Z |
|
|
metabolisch |
4
+ ? |
irregulär |
teilweise chaotisch |
irreversibel |
|
3. Wahrnehmung und Falschnehmung der Zeit:
Die
Phänomenologie der Wahrnehmung beruht auf einer aktiven Tätigkeit des
Bewusstseins. Die Intention und das Interesse filtrieren die Geschehnisse und
ihre Bedeutung. Zu beurteilen, ob das Wahrgenommene richtig ist oder nicht,
ist vielmehr eine Angelegenheit des Außenstehenden. Das optisch Wahrgenommene
wird auf Grund seiner Eindeutigkeit, Unmittelbarkeit und Spontaneität so
gewiss empfunden, dass es außer Zweifel steht. Die Logik des Entweder-Oder,
das Abstrakte a priori lässt kein Zwischending zu. Ist die Wahrnehmung jedoch
nicht richtig, so sprechen wir von Falschnehmung. Hier gilt der Satz „Nichts
ist der Wahrheit näher als der Irrtum“.
Wahrnehmungsphysiologie der Zeit
Ernst
Machs (1838-1916) Buch „Analyse der Empfindungen“ ist eine unverzichtbare
Quelle für ein profundes Verständnis
der Kinästhetik. Farben, Raum und Zeit sind nach ihm gewöhnliche
Empfindungen und stellen Elemente der Welt dar. 8) Nicht zu
vergessen ist Wilhelm Wundt (1832-1920), dessen logische Theorie der
Wahrnehmung ausgehend von den Ergebnissen der Einzelwissenschaften die
Grundlage der Bewusstseinsphilosophie, die ein Weltbild formuliert, bildete.
9)
Die
Zeitästhetik, d.h. die Affinität, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, setzt
eine Vorstellung bzw. ein a priori als ideales Prinzip als Axiom voraus.
Dieses Prinzip ist vergleichbar mit einem Koordinatensystem, wo das Vor- und
Nacheinander, sowie das Simultane lokalisiert und geordnet werden.
Die temporale Achsenbestimmung ist geprägt von einer individuellen
Lebenszeit, die auch teilweise sozial-kulturell mitgeprägt ist.
Die Zeitanschauung hat unterschiedliche Inhalte. Ihre Reize können
optisch, akustisch oder kognitiv sein. Ihre Signale sind meistens schillernd
und geben Anlass zur Sinnestäuschung. Der Wahrnehmungsakt verwandelt das
Erkannte in das Erlebte, bildet also eine strukturierte Dimension des
Wahrgenommenen. Aristotelisch formuliert, ist die Wahrnehmung der Übergang
von der Möglichkeit in die Wirklichkeit. Die Integration und die Assoziation
als Recognition verbinden vergangene Engramme (Erinnerungsbilder) mit zukünftigen
Vorbildern. Wunschzeiten und Wunschräume münden in eine Utopie, wo die
Traumwelt Horizonte bis ins Unendliche (Apeiron, das Grenzenlose) eröffnet.
Das Messbare wird
zum Nicht-messbaren.
Das Resultat ist der Übergang von der Perzeption in die Apperzeption,
d.h. von der einfachen Sinneswahrnehmung als Abbildung in die höchste Stufe
der aufmerksamen und bewussten Wahrnehmung.
Was bedeutet „Falschnehmung“?
Das Wort
„Wahrnehmung“ bedeutet das Nehmen der Wahrheit, d.h. es liegt eine Übereinstimmung
der Idee mit der Wirklichkeit vor. „Falschnehmung“ ist eine Nicht-Übereinstimmung
zwischen den beiden. Formal gesehen, können
Falschnehmungen als Glaubensüberzeugungen interpretiert werden. Das
Falsche und das Wahre sind nach Aristoteles nicht in den Sachen selbst,
sondern in den Überlegungen.
Ein nicht normales Bild kann als künstlerische Schöpfung, Deformation
im Sinne einer qualitativen Veränderung der Realität entstehen. Der Künstler
will beim Betrachter einen Bewusstseinswandel
herbeiführen oder provozieren. Die künstlerische Phantasie eröffnet
neue Möglichkeiten,
das konventionell Begrenzte zu sprengen. Verformungen, wie z.B. in den
Darstellungen Picassos sind bekannt. Unsere axiomatische Kunst hat die
Meta-Geometrie, d.h. eine veränderte Raumwahrnehmung in Malerei und
Photographie umgesetzt. Die psycho-delische Kunst will mit Hilfe von Drogen
die Realität anders als in herkömmlicher Weise beschreiben. Bei der
pathologischen Bewusstseinslage, nämlich bei Schizophrenie und Depression
erscheinen die Deformationen völlig anders. Die retinale Metamorphopsie bei
Maculadegeneration hat zahlreiche Erscheinungsformen. Neben dem Verzerrtsehen
treten Scheinbewegungen auf; die Objekte verlieren dabei ihre Konstanz,
Vertikalität und Horizontalität können verschoben sein, woraus beim
Betroffenen eine Desorientierung entstehen kann. 10)
Die
Schätzung von Geschwindigkeiten ist für die heutigen Verkehrsteilnehmer von
vitaler Bedeutung. Eine Fehleinschätzung der Geschwindigkeit eines fahrenden
Autos kann zu einem Unfall führen.
So gesehen, sind Geschwindigkeit bzw. Beschleunigung spezifische Reize
der Zeitwahrnehmung. Wesen der Zeitwahrnehmung ist die Feststellung von
Differenzen.
Die
Wahrnehmung der Zeit beruht auf unterschiedlichen Reizarten:
2.
der physiologische Reiz (die Metabole als materiale und formale
3. Veränderung, das Simultane und das Suczessive, der Augenblick),der psychologische Reiz (Aufmerksamkeitszuwendung, innere Uhr, emotionale und intuitive Zeit, Situationen)
4. der cognitive Reiz (Bewusstsein als Ort des Erkennens und Erlebens von konkreten und abstrakten Signalen, utopische, chiliastische Zeit, Zeitgeist, Malerei, Mode, u.a.) und
5.
der pathologische Reiz i.S. der Falschnehmung existenter oder nicht
existenter Dinge.
Die allgemeine Reizschwelle der Zeitempfindung hängt von der Bewusstseinslage ab. Je höher die Bewusstseinsebene ist, umso niedriger wird die Schwelle des Reizes. Die Falschnehmung bei Maculadegeneration, die wir bei Patienten beobachtet haben, ist das Zusammenbrechen von Kontinuität und Stabilität, eine eigenartige und simultane Dyschronie und Dystopie, die zur Verunsicherung bzw. Desorientierung führen kann.
Wahrnehmungen und Falschnehmungen sind grundsätzlich antagonistisch und inkommensurabel, d.h. sie sind gegensätzlich und nicht mit dem gleichen Maßstab messbar. Insbesondere bei den Falschnehmungen sind Vergleich und Messbarkeit häufig unmöglich.
Die Falschnehmung veranlasst den Menschen, seinen Alltag neu zu organisieren. Hier tritt eine Verkleinerung seines Bewegungs- und Denkradius ein. Die raum-zeitliche Dimension verkürzt sich von der Welt auf das unmittelbare Umfeld. Hier findet eine Niveausenkung der Orientierung vom umfassenden Potentiellen, Phantasiereichen und Unbegrenzten auf das primitiv Notwendige, Regionale statt.
Ergebnis
1. Modi der Zeit als Medien für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Kontinuität dieser 3 Zeitarten hat in der klassischen Physik die folgenden Merkmale: Reversibilität, Homogenität, Symmetrie, die Zeit ist Parameter der Bewegung.
2. Metabole (Veränderung) als Substanz der Zeit. Die Veränderungen finden zwischen 2 Gegensätzen , Formveränderungen, Werden und Vergehen und Qualitätsveränderungen (Eigenschaftswandel z.B. gutartig-bösartig, negativ-positiv, trockene Maculadegeneration (TMD) - feuchte Maculadegeneration (FMD), Quantitätsveränderungen (Vergrößerung-Verkleinerung / Hypertrophie - Phtisis ) und Ortsveränderungen als topologische Zustands- und Beziehungsänderungen.
3. fraktale Zeit im Rahmen der pathologischen Zeitwahrnehmungen. Sie überwindet das Euklidisch-Konventionelle und geht über die dilatiert-sphärische bzw. kontrahiert-hyperbolische Zeitveränderung hinaus. (vgl. Abb.3) Das Euklidische ist das Einfache, Evidente und Apodiktische. Demgegenüber ist das Nicht-Euklidische komplex, vernetzt und interaktiv. Die Öffnung der Kanten und Ecken ermöglicht neue Zeithorizonte, die in der Regel nicht voraussehbar sind. In der fraktalen Kategorie wird die reine Qualität sui generis verdeutlicht. Sie ist weder reduzierbar, noch quantifizierbar. Hegelianisch formuliert: „Das Wahre ist das Ganz
4. „Chronos“ ist im Begriff der chronischen Krankheit enthalten. Hierbei operiert die Zeit äußerlich im Körper als Motor für Bewegung und Ruhe. Organfunktionen werden somit verlangsamt oder beschleunigt. Innerlich agiert die Zeit metabolisch, indem sie Formen und Eigenschaften verändert. Sie verkleinert, vergrößert, verschleppt (Metastasen); etwas entsteht, etwas anderes vergeht. Die erstrebte wissenschaftliche Objektivität, nämlich Konstantes, Festes, Gesetzmäßiges zu konstatieren, verflüchtigt sich in der Evolution zum Kontinuierlichen, Fließenden der Subjektivität.11) Für die Grundlagenforschung wird die Messtheorie prinzipiell in Frage gestellt; wissenschaftliche Generalisierungen und Normen neutralisieren den Faktor Zeit. Krankheiten verlaufen stets unterschiedlich, sei es quantitativ oder topologisch. Die Kategorie der Kausalität reduziert alles Natrürlich-Komplexe. Die daraus abgeleitete Voraussehbarkeit (causality is predictability) scheitert in unserer Alltagserfahrung immer wieder. Vergangenheit und Zukunft sind nicht beliebig austauschbar. Mit anderen Worten: die Thermodynamik, deren Chronologie fundamental und mehrdimensional ist, löst die eindimensionale Mechanik ab. Rein technologisch ausgerichtete Medizin ist eine Medizin ohne Subjekt, ohne Zeitlichkeit. Insbesondere chronische Krankheiten unterliegen Schwankungen, Dysrythmien, und einer individuellen Dynamik. Genau genommen sind sie also in ihrem Verlauf weder reproduzierbar noch prognostizierbar und mit anderen gleichzusetzen. Die Wahrscheinlichkeit muss die Gesetzmäßigkeit im Denken des Therapeuten ersetzen.
Anmerkungen
1)
Helmholtz, H.v., Handbuch der physiologischen Optik 3.Aufl. Hamburg,
Leipzig 1910 S.17ff
2)
Poincaré, H. Ausmaß der Zeit, zitiert aus Aichelburg, P.C. (Hrsg.): Zeit
im Wandel der Zeit, Braunschweig, Wiesbaden 1988 , S. 88)
3)
Aichelburg , P.C. a.a.O., S. 40
4)
vgl. Kojève, A.: Hegel - Kommentar zur Phänomenologie des Geistes,
Stuttgart 1958, S. 122
5)
vgl. Hennemann, G.
Grundzüge einer Geschichte der Naturphilosophie und ihre
Hauptprobleme,
Berlin 1975, S.189 ff)
6)
Prigogine, I. und Stengers, I.
Das Paradox der Zeit, Zeitchaos und Quanten, München 1993
7)
vgl. Böhme, G. Über die Zeitmodi , Göttingen 1966, S. 86ff.
und
Reichenbach,
H. The Direction of Time, ed. by Maria Reichenbach, Berkeley, Los Angeles,
London 1971. Interdisziplinäre
Arbeiten wurden, wie auch Rudolf Carnap erfahren musste, in Deutschland
schon von jeher von allen Seiten abgelehnt. Sein Dissertationsthema „Der
Raum“ sollte Physik und Philosophie zusammenbringen. Jedoch wurde die
Arbeit von beiden Seiten als „Außenseiter und lästiger Eindringling
betrachtet“ und abgelehnt. (vgl. Carnap, R. Mein Weg in die Philosophie,
Stuttgart 1993, S. 18) Aus eigener Erfahrung können wir ergänzen, dass
diese Haltung nicht auf Deutschland beschränkt ist, sondern auch in
Frankreich und Belgien ebenso vertreten wird.
8)
Mach, E. Analyse der Empfindungen (die Zeitempfindung) Jena 1922, s.200
ff.
9)
Wundt, W. System der Philosophie, Leipzig 1897 S. 121 ff.
ders.
Grundzüge der physiologischen Psychologie, Leipzig 1910,
Nef,
W. Wilhelm Wundts Stellung zur Erkenntnistheorie Kants, Berlin 1913 S.
16ff.
10)
vgl. Sradj, N. Systemtherapie der Maculadegeneration, (3. Aufl).
Regensburg
11) Sradj, N. Subjektivität und Objektivität optischer Wahrnehmungen in: Erfahrungsheilkunde Heft 7 Heidelberg 2001 S. 400-405 vgl. auch Grundlagenforschung zwischen Erkenntnis und Interesse in: Erfahrungsheilkunde Heft 12 Heidelberg 1998 S. 853
![]()
Conception, idea and realisation by Dr. Nadim Sradj and Prof. Manfred G. Dinnes - © Copyright by Sradj / Dinnes 2002
aktualisiert am 30.11.05 von Prof. M. Dinnes - © by Dinnes.net