PROJEKT:"KAIROS"              

  [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [18] [19]  

            [ zurück zum Anfang ] [ home ] [ naechste Seite ]

 

Studie zur Wahrnehmungsphysiologie

Wahrnehmung und Falschnehmung von Raum und Zeit

  Dr. Nadim Sradj  / Prof. Manfred G. Dinnes

2002

 

 


Wahrnehmung und Falschnehmung der Zeit

 

 Zusammenfassung


Zeitwahrnehmung ist eine komplexe, unmittelbare und einheitliche Form des inneren Erlebens im Dienste der Orientierung. Während die historisch-menschliche Zeit den Zeitgeist ausmacht, ist die Naturzeit (Chronologie) Ursprung von Bewegung (Kinesis) und Metabole (Veränderung). Wahrnehmung ist nehmen der Wahrheit als Übereinstimmung von Ideen und Wirklichkeit; Falschnehmung ist Nicht-Übereinstimmung. Die Selbstverständlichkeit geht verloren. Die Identität erfährt eine Störung und Entfremdung.

Temporale Reize - seien sie physikalisch durch Beschleunigung, physiologisch durch Bewegungssehen und Anachronismus (Ablaufdifferenz), psychologisch durch Aufmerksamkeitszuwendung, kognitiv durch die jeweilige Bewusstseinslage, oder pathologisch durch Scheinbewegungen oder Illusion - werden in der Falschnehmung insgesamt qualitativ verschoben. Diese Kategorie ist aus dem Normalen nicht ableitbar und daher nicht beliebig reproduzierbar. Die Falschnehmung wie sie bei Maculadegenerations-Patienten auftritt, ist für andere unvorstellbar und demzufolge weder experimentell, noch statistisch verifizierbar. Die euklidische, symmetrische Zeit wird bei optischen Anomalien nicht nur dilatiert (sphärisch) und kontrahiert (hyperbolisch), sondern mitunter auch fraktal, wie die Bewegung der Wolken d.h. irregulär, irreversibel und daher nicht messbar empfunden. Letzteres bewirkt subjektive Desorientierung. Chronos - bei chronischen Krankheiten - agiert als interner Operator bei Prozessen kinematisch beschleunigend oder verlangsamend, oder metabolisch im Sinne einer Veränderung von Formen, Eigenschaften und Qualitäten. Das konstituierende zeitliche Element einer chronischen Erkrankung ist ihre Dauer.   Messen überhaupt negiert die Wirksamkeit der inneren, metabolen Zeit. Die Messung konzentriert sich auf zwei Punkte: Anfang und Ende, die Veränderung läßt das topologische Dazwischen wird nicht hinreichend berücksichtigt.  Statistik, Doppelblindstudien und die daraus resultierenden Generalisierungen sind zeitneutral und führen daher zu zweifelhaften Ergebnissen.  

 

Einleitung

 

Wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist, das Konventionelle seine Gültigkeit verliert, so entsteht eine Grenzsituation, wo der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen wird. Solche Befindlichkeitsstörungen haben uns Patienten mit Wahrnehmungsstörungen bei Maculadegeneration berichtet. Diese Wahrnehmungspathologie ist Ausgangspunkt unserer Untersuchungen.

 Die Zeitwahrnehmung ist das Unmittelbare, nicht abweisbare Medium menschlicher Orientierung, eine Achse, um die sich die Welt dreht und die definiert, was nah und was fern ist. Verliert diese Achse ihre Stabilität, dann verschiebt sich die Wahrnehmung  und wird zur Falschnehmung. Die Vertrautheit schlägt in Entfremdung um. Element des Mediums Zeit ist die allgemeine bewegte und bewegende Beziehung zwischen Wahrnehmendem und dem Wahrgenommenen.

Helmholtz (1821-1894) 1) betrachtete die Geschichte der alten Wahrnehmungslehre als deckungsgleich mit der Geschichte der Philosophie. Sinnesempfindungen sind Symbole für die Verhältnisse der Außenwelt. Seine Wahrnehmungslehre war eine angewandte Erkenntnistheorie, d.h. eine von Logik und Methodologie geleitete Bewusstseinsbildung  als klare Selbst- und Welterkenntnis. Bemerkenswert ist die Beobachtung, dass das Zeitverständnis vom jeweiligen Stand der Forschung der Mathematik, Logik und Technik abhängig. Die Grundlagenkrise um 1920 deckte die Dogmen und Grenzen der Grundlagenwissenschaften auf, die leider in der Medizin, insbesondere in der Augenheilkunde, noch nicht einmal als Thema anerkannt worden sind.

Die Zeit ist die sinnliche und metaphysische Grundlage der Weltauffassung und konstituiert damit die Beziehung zwischen Mensch und Kosmos. Alles, was wahrgenommen wird, geschieht unter dem Schirm der Zeit. Dieser Überbau wird als a priori , d.h. unabhängig und vor der Erfahrung, bezeichnet. 

Elemente der Zeitwahrnehmung sind vielfältig. Es sind u.a. Augenblicke, Geschwindigkeiten, Beschleunigung, Perioden, Epochen und Rhythmen. Diese Begriffe sind Hilfsmittel, eine Ganzheit zu gliedern. Im Akt der Wahrnehmung wird die Einheit und Ganzheit der Zeiterfahrung erlebt. Das dauerhafte der Zeit wird als Kontinuität beschrieben. Die Summe der Augenblicke macht die Ganzheit der Gegenwart nicht aus. Das Bewegte bewegt sich nicht zählend, formulierte einst Aristoteles. Die Reduktion der Zeit auf Maßzahlen, d.h. ihre quantitative Begrenzung, ist nichts anderes als willkürliche und reduzierte Erkenntnis des Zeitdimension. Schon die Behauptung, die Zeit sei ein neutraler „geometrischer“ Parameter der Bewegung, hat die Diskussion eher verarmt als bereichert. 

 

Die drei Ansatzpunkte der Zeitdiskussion

 

Die Zeitempfindung  ist deswegen schwieriger als die Raumempfindung, weil sie nicht an die Dinge der Körperwelt gebunden ist. Die Wahrnehmung der extensionalen räumlichen Größen  ist einfacher als die Wahrnehmung der intesionalen Größen. Henri Poincaré schrieb dazu:

„Wir haben keine direkte Empfindung für die Gleichheit zweier Zeiträume. Wer diese Empfindung zu haben glaubt, ist durch eine Illusion in die Irre geführt.“ 2)  

Dynamik und Komplexität zeitlicher Veränderungen erschweren eine scharfe und exakte Beobachtung. Unser wahrnehmungsphysiologischer und wahrnehmungspathologischer Ansatz ist von den folgenden Richtungen zu differenzieren: 

 1. Der philosophisch-metaphysische und theologische Ansatz: 

                         Die griechische Philosophie bildet immer noch die wissenschaftliche Grundlage der Zeitanalyse. Die Naturphilosophie des Aristoteles ist nach wie vor aktuell. Seine Zeitlehre (Chronologie) und die  Unterscheidung zwischen Kinesis (Bewegung) und Metabole (Veränderung)  ist der Leitfaden auch für diese Ausführungen. (Abb.1 ) Die erste Abbildung verdeutlicht die Kinematik als reversible physikalische Zeit. Die Zeitmodalität besteht aus Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart als Jetzt-Folge. Die zweite Form der Zeit, die Metabole, beschreibt die Zeit als Substanz, die sich aus folgenden Elementen zusammensetzt: Formveränderung (Werden und Vergehen), Ortsveränderung (topologische Relationsverschiebung) und Qualitätsveränderung als qualitativer Umschlag und grundsätzlicher Eigenschaftswandel, z.B. positiv-negativ, gutartig-bösartig, trockene-feuchte Maculadegeneration und Quantitätsveränderung (Vergrößerung-Verkleinerung, Schrumpfung) (Abb.2).          

 Der hl. Augustinus hat eine elegant-rhetorische Formulierung gefunden:

„Was ist also die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“3)

 Hier wird ein emotionales Verhältnis zur Zeit zum Ausdruck gebracht.

 

2.  Die spätere Zeittheorie Newtons, nämlich die Einteilung in absolute und relative Zeit, endete in der spekulativen Definition  die Zeit sei das „Sensorium Gottes“. Die idealistisch-spekulative Philosophie Hegels verstand die Zeit als geschichtliche -, d.h. menschliche Zeit. Seine „Phänomenologie des Geistes“ ist Ausdruck seines Willens, seine Zeit in Begriffen zu erfassen. Er schreibt: „Die Natur ist der Raum, während die Zeit die Geschichte ist.“ 4) Der dialektische Geist schafft einen Begriff, der identisch ist mit der Zeit. Geist ist Zeit, die die Wirklichkeit der Weltgeschichte ausmacht (Zeitgeist). Die daraus abgeleitete „ideologische Zeit“ ebnete dem Chiliasmus, dem „tausendjährigen Reich“ den Weg, eine enthusiastische, romantische Zukunftsvision, die verspricht, das Paradies auf Erden zu schaffen.

Die Fundamentalontologie Heideggers führte in die poetisch-dramatische Richtung:                       „Offenbart sich die Zeit selbst als Horizont des Seins?“ Die Todesangst führt zur Angst vor der Zeit. Die Zeitlichkeit ist das Existenziale des Menschen                                                        

 Die physikalische Zeit wurde in der klassischen Physik auf die Urzeit, auf die Sekunde, Minute und Stunde reduziert. Die Zeit wurde dadurch als eindimensional definiert. Die Dreidimensionalität des Raumes hat die Zeitdiskussion nicht befruchtet. Der Physiker Minkowski hat die Zeit an den Raum angeschlossen und sprach von einem vierdimensionalen Raum-Zeit-Union. Die Zeit wurde wie der Raum euklidisch beschrieben und damit als Funktionsmaßstab und Zustandsbeschreibung instrumentalisiert. Die Relativitätstheorie Einsteins verlagerte die Diskussion auf die Dreiheit Raum-Zeit-Materie. Die Zeit sei eine Eigenschaft des Bewegungszustandes, in dem sich der Beobachter befinde. Zeit ist nur dort, wo sich etwas ereignet.5)  Für Einstein ist die Zeit eine Illusion. Demgegenüber hat die Physik der Thermodynamik die Zeitdiskussion auf eine höhere und konstruktivere Ebene gebracht. Hiermit wurde der Determinismus, die Linearität, Reversibilität und die Symmetrie von Vergangenheit und Zukunft überwunden. Die Zeit hat eine differenzierte Richtung (Pfeil der Zeit). Sie bewegt sich irregulär wie eine Wolke, d.h. sie ist irreversibel (Naturzeit). Prigogines und Stengers’ Arbeiten haben die moderne Zeitdiskussion angefacht.6) Ihre Zeittheorie gründet sich auf den 2. Satz der Thermodynamik (Entropie) und auf die Instabilität dissipativer Systeme und die Theorie des Nichtgleichgewichts. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „deterministischen Chaos“. Die Katastrophentheorie René Thoms geht einen Schritt weiter: danach können Prozesse auch abrupt und dramatisch verlaufen wie ein Blitz aus heiterem Himmel (z.B. der plötzliche Herztod).  Dieser qualitative Sprung von der klassischen Mechanik zur modernen Physik erweiterte den Horizont von der Geo-, Helio- bis zur Galaktozentrik. Im unendlichen Universum werden die zwei Naturkonstanten, die Einstein’sche Lichtgeschwindigkeit und das Planck’sche  Wirkungsquantum, in Frage gestellt.  Die Monographie von Hans Reichenbach „The Direction of Time“ ist eine ausgezeichnete interdisziplinäre Arbeit, bei der Philosophie und moderne nachrelativitistische Physik in idealer Form miteinander verbunden werden. Er sieht in der Analyse der zeitlichen Strukturen „die Möglichkeitsbedingungen der Naturwissenschaften“. Damit wird dieses Thema zum Inbegriff der formalen und inhaltlichen Grundlagenforschung aller Disziplinen.7)

 

Tafel: ZEITARTEN                                            V = Vergangenheit, Z = Zukunft

 

Dimensionen

Bewegungs- formen

Struktur

Reversibilität

Wissenschaftl.

Darstellung

euklidisch

1

linear

einfachst

V = Z

symmetrisch

hyperbolisch

1

Krümmung

konkav

einfach

V ~ Z

( " )

sphärisch

1

Krümmung

konvex

einfach

V ~ Z

( " )

fraktal

1  -  ¥

nichtlinear

komplex

V   Z

metabolisch

4 + ?

irregulär

teilweise

chaotisch

irreversibel

 

3. Wahrnehmung und Falschnehmung der Zeit:   

 Die Phänomenologie der Wahrnehmung beruht auf einer aktiven Tätigkeit des Bewusstseins. Die Intention und das Interesse filtrieren die Geschehnisse und ihre Bedeutung. Zu beurteilen, ob das Wahrgenommene richtig ist oder nicht, ist vielmehr eine Angelegenheit des Außenstehenden. Das optisch Wahrgenommene wird auf Grund seiner Eindeutigkeit, Unmittelbarkeit und Spontaneität so gewiss empfunden, dass es außer Zweifel steht. Die Logik des Entweder-Oder, das Abstrakte a priori lässt kein Zwischending zu. Ist die Wahrnehmung jedoch nicht richtig, so sprechen wir von Falschnehmung. Hier gilt der Satz „Nichts ist der Wahrheit näher als der Irrtum“. 

Wahrnehmungsphysiologie der Zeit

 

  Die Wahrnehmungsphysiologie der Zeit war eng integriert in die Logik als Methodologie und Erkenntnistheorie, als Verfahren der Experimental-Sinnesphysiologie und -psychologie. Einer der wichtigsten Denker war Hermann Helmholtz, dessen Zeichentheorie der Sinneswahrnehmung noch heute gültig ist.  Sie sind für ihn Tatsachen des Bewusstseins.

Ernst Machs (1838-1916) Buch „Analyse der Empfindungen“ ist eine unverzichtbare Quelle für ein profundes Verständnis  der Kinästhetik. Farben, Raum und Zeit sind nach ihm gewöhnliche Empfindungen und stellen Elemente der Welt dar. 8) Nicht zu vergessen ist Wilhelm Wundt (1832-1920), dessen logische Theorie der Wahrnehmung ausgehend von den Ergebnissen der Einzelwissenschaften die Grundlage der Bewusstseinsphilosophie, die ein Weltbild formuliert, bildete. 9) 

Die Zeitästhetik, d.h. die Affinität, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, setzt eine Vorstellung bzw. ein a priori als ideales Prinzip als Axiom voraus. Dieses Prinzip ist vergleichbar mit einem Koordinatensystem, wo das Vor- und Nacheinander, sowie das Simultane lokalisiert und geordnet werden.  Die temporale Achsenbestimmung ist geprägt von einer individuellen Lebenszeit, die auch teilweise sozial-kulturell mitgeprägt ist.  Die Zeitanschauung hat unterschiedliche Inhalte. Ihre Reize können optisch, akustisch oder kognitiv sein. Ihre Signale sind meistens schillernd und geben Anlass zur Sinnestäuschung. Der Wahrnehmungsakt verwandelt das Erkannte in das Erlebte, bildet also eine strukturierte Dimension des Wahrgenommenen. Aristotelisch formuliert, ist die Wahrnehmung der Übergang von der Möglichkeit in die Wirklichkeit. Die Integration und die Assoziation als Recognition verbinden vergangene Engramme (Erinnerungsbilder) mit zukünftigen Vorbildern. Wunschzeiten und Wunschräume münden in eine Utopie, wo die Traumwelt Horizonte bis ins Unendliche (Apeiron, das Grenzenlose) eröffnet. Das Messbare wird  zum Nicht-messbaren.  Das Resultat ist der Übergang von der Perzeption in die Apperzeption, d.h. von der einfachen Sinneswahrnehmung als Abbildung in die höchste Stufe der aufmerksamen und bewussten Wahrnehmung.

Was bedeutet „Falschnehmung“?


 
Das Wort „Wahrnehmung“ bedeutet das Nehmen der Wahrheit, d.h. es liegt eine Übereinstimmung der Idee mit der Wirklichkeit vor. „Falschnehmung“ ist eine Nicht-Übereinstimmung zwischen den beiden. Formal gesehen, können  Falschnehmungen als Glaubensüberzeugungen interpretiert werden. Das Falsche und das Wahre sind nach Aristoteles nicht in den Sachen selbst, sondern in den Überlegungen.  Ein nicht normales Bild kann als künstlerische Schöpfung, Deformation im Sinne einer qualitativen Veränderung der Realität entstehen. Der Künstler will beim Betrachter einen Bewusstseinswandel  herbeiführen oder provozieren. Die künstlerische Phantasie eröffnet neue Möglichkeiten,  das konventionell Begrenzte zu sprengen. Verformungen, wie z.B. in den  Darstellungen Picassos sind bekannt. Unsere axiomatische Kunst hat die Meta-Geometrie, d.h. eine veränderte Raumwahrnehmung in Malerei und Photographie umgesetzt. Die psycho-delische Kunst will mit Hilfe von Drogen die Realität anders als in herkömmlicher Weise beschreiben. Bei der pathologischen Bewusstseinslage, nämlich bei Schizophrenie und Depression erscheinen die Deformationen völlig anders. Die retinale Metamorphopsie bei Maculadegeneration hat zahlreiche Erscheinungsformen. Neben dem Verzerrtsehen treten Scheinbewegungen auf; die Objekte verlieren dabei ihre Konstanz, Vertikalität und Horizontalität können verschoben sein, woraus beim Betroffenen eine Desorientierung entstehen kann. 10) 

Die biologische Zeitwahrnehmung hat einen cardialen und neuronalen Ursprung: Während sich im Normalfall  die Herztätigkeit regulär, d.h. gleichmäßig vollzieht, sind demgegenüber EEG-Muster normalerweise irregulär. Bei einem epileptischen Anfall zeichnet sich die Verlaufskurve durch auffallende Regularität aus. Die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit vitaler Systeme begründet die Theorie der Selbstorganisation der Hirnfunktionen. Die Koordination der inneren Motoren synchronisiert die Eigendynamik und die Bewegungen. Im Laufe des Menschlichen Lebens verändert sich die Zeitempfindung dahingehend, dass je älter er wird, umso schneller scheint die Zeit zu vergehen.

 Die Schätzung von Geschwindigkeiten ist für die heutigen Verkehrsteilnehmer von vitaler Bedeutung. Eine Fehleinschätzung der Geschwindigkeit eines fahrenden Autos kann zu einem Unfall führen.  So gesehen, sind Geschwindigkeit bzw. Beschleunigung spezifische Reize der Zeitwahrnehmung. Wesen der Zeitwahrnehmung ist die Feststellung von Differenzen.

 Die Wahrnehmung der Zeit beruht auf unterschiedlichen Reizarten:

  •    1.   der physikalische Reiz (Beschleunigung),

  •    2.   der physiologische Reiz (die Metabole als materiale und formale      

  •    3.   Veränderung, das Simultane und das Suczessive, der Augenblick),der psychologische Reiz                         (Aufmerksamkeitszuwendung, innere Uhr, emotionale und intuitive Zeit,                        Situationen) 

  •    4.  der cognitive Reiz (Bewusstsein als Ort des Erkennens und Erlebens von konkreten und                 abstrakten Signalen, utopische, chiliastische Zeit, Zeitgeist, Malerei, Mode, u.a.) und

  •      5.  der pathologische Reiz i.S. der Falschnehmung existenter oder nicht existenter Dinge.

           Die allgemeine Reizschwelle der Zeitempfindung hängt von der Bewusstseinslage ab. Je höher die Bewusstseinsebene ist, umso niedriger wird die Schwelle des Reizes. Die Falschnehmung bei Maculadegeneration, die wir bei Patienten beobachtet haben, ist das Zusammenbrechen von Kontinuität und Stabilität, eine eigenartige und simultane Dyschronie und Dystopie, die zur Verunsicherung bzw. Desorientierung führen kann.

Die Nicht-Messbarkeit pathologischer Wahrnehmungen bedeutet nicht, dass sie  nicht existieren. Die Nicht-Vorstellbarkeit optischer Anomalien ist aus der Nicht-Ableitbarkeit vom Normalen, Physiologischen zu erklären. 

Wahrnehmungen und Falschnehmungen sind grundsätzlich antagonistisch und inkommensurabel, d.h. sie sind gegensätzlich und nicht mit dem gleichen Maßstab messbar. Insbesondere bei den Falschnehmungen sind Vergleich und Messbarkeit häufig unmöglich. 

       Die Falschnehmung veranlasst den Menschen, seinen Alltag neu zu organisieren. Hier tritt eine Verkleinerung seines Bewegungs- und Denkradius ein. Die raum-zeitliche Dimension verkürzt sich von der Welt auf das unmittelbare Umfeld. Hier findet eine Niveausenkung der Orientierung vom umfassenden Potentiellen, Phantasiereichen und Unbegrenzten   auf das primitiv Notwendige, Regionale statt.

                                   

 Ergebnis 

Analog zur Meta-Geometrie sprechen wir von Meta-Chronologie, die folgende Elemente enthält:

  •  1.       Modi der Zeit als Medien für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die  Kontinuität                           dieser 3 Zeitarten hat in der klassischen Physik die folgenden Merkmale:                            Reversibilität,  Homogenität, Symmetrie, die Zeit ist Parameter der Bewegung.

  • 2.       Metabole (Veränderung) als Substanz der Zeit. Die Veränderungen finden zwischen 2     Gegensätzen , Formveränderungen, Werden und Vergehen und Qualitätsveränderungen       (Eigenschaftswandel z.B. gutartig-bösartig, negativ-positiv, trockene Maculadegeneration (TMD) - feuchte Maculadegeneration (FMD), Quantitätsveränderungen (Vergrößerung-Verkleinerung / Hypertrophie - Phtisis ) und Ortsveränderungen als topologische Zustands- und Beziehungsänderungen.

  • 3.        fraktale Zeit im Rahmen der pathologischen Zeitwahrnehmungen. Sie überwindet das            Euklidisch-Konventionelle und geht  über die dilatiert-sphärische bzw.                                kontrahiert-hyperbolische Zeitveränderung hinaus. (vgl. Abb.3) Das Euklidische ist das Einfache, Evidente und Apodiktische. Demgegenüber ist das Nicht-Euklidische komplex, vernetzt und interaktiv. Die Öffnung der Kanten und Ecken ermöglicht neue Zeithorizonte, die in der Regel nicht voraussehbar sind. In der fraktalen Kategorie wird die reine Qualität sui generis verdeutlicht. Sie ist weder reduzierbar, noch quantifizierbar. Hegelianisch formuliert: „Das Wahre ist das Ganz

  • 4.      „Chronos“ ist im Begriff der chronischen Krankheit enthalten. Hierbei operiert die   Zeit äußerlich im Körper als Motor für Bewegung und Ruhe. Organfunktionen werden somit verlangsamt oder beschleunigt. Innerlich agiert die Zeit metabolisch, indem sie Formen und Eigenschaften verändert. Sie verkleinert, vergrößert, verschleppt (Metastasen); etwas entsteht, etwas anderes vergeht. Die erstrebte wissenschaftliche Objektivität, nämlich Konstantes, Festes, Gesetzmäßiges zu konstatieren, verflüchtigt sich in der Evolution zum Kontinuierlichen, Fließenden der Subjektivität.11)  Für die Grundlagenforschung wird die Messtheorie prinzipiell in Frage gestellt; wissenschaftliche Generalisierungen und Normen neutralisieren den Faktor Zeit. Krankheiten verlaufen stets unterschiedlich, sei es quantitativ oder topologisch. Die Kategorie der Kausalität reduziert alles Natrürlich-Komplexe. Die daraus abgeleitete Voraussehbarkeit (causality is predictability) scheitert in unserer Alltagserfahrung immer wieder. Vergangenheit und Zukunft sind nicht beliebig austauschbar. Mit anderen Worten: die Thermodynamik, deren Chronologie fundamental und mehrdimensional ist, löst die eindimensionale Mechanik ab. Rein technologisch ausgerichtete Medizin ist eine Medizin ohne Subjekt, ohne Zeitlichkeit. Insbesondere chronische Krankheiten unterliegen Schwankungen, Dysrythmien, und einer individuellen Dynamik. Genau genommen sind sie also in ihrem Verlauf weder reproduzierbar noch prognostizierbar und mit anderen gleichzusetzen. Die Wahrscheinlichkeit muss die Gesetzmäßigkeit im Denken des Therapeuten ersetzen.

Anmerkungen

1) Helmholtz, H.v., Handbuch der physiologischen Optik 3.Aufl. Hamburg, Leipzig 1910 S.17ff

2) Poincaré, H. Ausmaß der Zeit, zitiert aus Aichelburg, P.C. (Hrsg.): Zeit im Wandel der Zeit, Braunschweig, Wiesbaden 1988 , S. 88)

3)  Aichelburg , P.C. a.a.O., S. 40

4) vgl. Kojève, A.: Hegel - Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, Stuttgart 1958, S. 122

5) vgl. Hennemann, G.  Grundzüge einer Geschichte der Naturphilosophie und ihre Hauptprobleme,  Berlin 1975, S.189 ff)

6) Prigogine, I. und Stengers, I.  Das Paradox der Zeit, Zeitchaos und Quanten, München 1993

7) vgl. Böhme, G. Über die Zeitmodi , Göttingen 1966, S. 86ff.  und

Reichenbach, H. The Direction of Time, ed. by Maria Reichenbach, Berkeley, Los Angeles, London 1971. Interdisziplinäre Arbeiten wurden, wie auch Rudolf Carnap erfahren musste, in Deutschland schon von jeher von allen Seiten abgelehnt. Sein Dissertationsthema „Der Raum“ sollte Physik und Philosophie zusammenbringen. Jedoch wurde die Arbeit von beiden Seiten als „Außenseiter und lästiger Eindringling betrachtet“ und abgelehnt. (vgl. Carnap, R. Mein Weg in die Philosophie, Stuttgart 1993, S. 18) Aus eigener Erfahrung können wir ergänzen, dass diese Haltung nicht auf Deutschland beschränkt ist, sondern auch in Frankreich und Belgien ebenso vertreten wird.

8) Mach, E. Analyse der Empfindungen (die Zeitempfindung) Jena 1922, s.200 ff.

9) Wundt, W. System der Philosophie, Leipzig 1897 S. 121 ff.

 ders. Grundzüge der physiologischen Psychologie, Leipzig 1910,

Nef, W. Wilhelm Wundts Stellung zur Erkenntnistheorie Kants, Berlin 1913 S. 16ff.

10) vgl. Sradj, N. Systemtherapie der Maculadegeneration, (3. Aufl). Regensburg

11) Sradj, N. Subjektivität und Objektivität optischer Wahrnehmungen  in: Erfahrungsheilkunde Heft 7 Heidelberg 2001 S. 400-405 vgl. auch Grundlagenforschung zwischen Erkenntnis und Interesse in: Erfahrungsheilkunde  Heft 12 Heidelberg 1998 S. 853

 

 

  

Conception, idea and realisation by Dr. Nadim Sradj and Prof. Manfred G. Dinnes  -  © Copyright by Sradj / Dinnes 2002

 

naechste Seite ]

 


aktualisiert am 30.11.05 von Prof. M. Dinnes    -   © by Dinnes.net