PROJEKT:"KAIROS"              

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Studie zur Wahrnehmungsphysiologie

Wahrnehmung und Falschnehmung von Raum und Zeit

  Dr. Nadim Sradj  / Prof. Manfred G. Dinnes

2002

Veröffentlichung: Februar 2003/ EHK 1/2003, Seite 23 - 29

 

 

Wahrnehmung und Falschnehmung von Raum und Zeit

 

von Dr. Nadim Sradj und Prof. Manfred G. Dinnes

 

Das Verhältnis der Wahrnehmungspathologie zur Kunst

 

Die Frage, wie kommt ein Augenarzt dazu, sich mit einem Kunstthema wie „Wahrnehmung und Falschnehmung von Raum und Zeit“ zu befassen und eine derartiges Projekt zu organisieren, liegt nahe.

In der augenärztlichen Praxis berichteten Patienten mitunter von eigenartigen Wahrnehmungsstörungen,  die weit über die bekannten Metamorphopsien bei Maculadegeneration hinausgehen. Es waren nicht nur verbogene oder unterbrochene Linien, von denen die Betroffenen berichteten, sondern u.a. auch  Verdoppelungen einzelner Gegenstandselemente, wie beispielsweise: ein Mann mit 2 Krawatten, ein menschliches Gesicht mit 4 Augen, oder auch Fältelungen mit Verlust von Gesichtsteilen z.B. der gesamten Augen- und Nasenpartie, so dass der Mund direkt unter der  Stirn ansetzte. Gelegentlich wurde auch über eine partielle Objektunruhe dergestalt, dass z.B. ein Ohr des betrachteten Menschen wackelte, verschwand und wieder auftauchte, oder andere vielgestaltige Verzerrungen , wie schiefer Mund usw., berichtet.  Aus der Sicht der Patienten waren solche Erlebnisse manchmal zum Lachen, häufig aber eher zum Weinen. Weil diese Wahrnehmungsanomalien sowohl für den gesunden Menschen, als auch für den normalen Augenarzt oder Neurologen in keiner Weise vorstellbar oder nachvollziehbar waren, wurden diese Angaben als Hypochondrie oder Psychopathie erklärt. Dies hatte dann zur Folge, dass die Betroffenen nicht mehr wagten, von ihrem Problem zu sprechen und schließlich depressiv wurden. 

 

        Veranschaulichung von Sehbeispielen bei MD - Patienten

 

In der Regel sind derartige Erscheinungen mit Worten kaum zu beschreiben. Wir hatten das Glück, dass eine unserer Patientinnen in einer Reihe von Kollagen das darstellte, was sie während ihrer Erkrankung (Maculadegeneration) wahrgenommen hatte.

In der Kunsttheorie sind Wahrnehmungsanomalien bislang nur in Zusammenhang mit Bewusstseinsstörungen

(Psychose, Schizophrenie) bekannt gewesen. Psychodelische Kunst, d.h. Experimente von Künstlern unter dem Einfluss von Drogen, Alkohol, oder Psychopharmaka, ist ebenfalls Ausfluss von Bewusstseinstrübungen. Die Ergebnisse dieser Rauschzustände hatten auf die Kunsttheorie weder eine positive noch eine negative Wirkung.

Dies steht im krassen Gegensatz zu dem oben beschriebenen Wahrnehmungsproblem der Patienten mit Maculadegeneration.

Die Reflexion über die Erfahrungen der Patienten ließ die Frage nach dem Verhältnis zwischen Raum und Gegenstand aufkommen. Basis dieser Fragestellung war die Bearbeitung der Grundelemente der Perception : Punkt, Linie und Fläche. Diese 3  Grundelemente waren auch Gegenstand naturphilosophischer Analysen gewesen. Hegel hat sie im Rahmen seiner idealistischen Ästhetik  und Theorie beschrieben. Dies unter dem Axiom der euklidischen Geometrie. Die euklidische Geometrie galt zu jener Zeit als einzig gültig. Kant hielt die nicht-euklidische Geometrie für unvorstellbar. Diese Begrenzung auf drei Dimensionen musste den Künstlern als unerträgliche Begrenzung ihrer Möglichkeiten erscheinen. Man sprach von der „Tyrannei der Außenwelt“, bzw. „maladie d’existence“. 

Ernst Mach: Illustration zum Problem der Wahrnehmung unter Einbeziehung des Gesichtsfeldes.      

Die Intention der hier vorgelegten Arbeit ist das Erkennen der Grenze und ihre Überwindung. Hierbei wird die Linie in ihrer Endgültigkeit und Hermetik als eine künstliche Beschränkung empfunden. Es gilt, diese Schranke zu brechen, um neue Horizonte zu ermöglichen. Die Reflexion konkretisiert sich an der Destruktion des Konventionellen, des Determinierten. Das Temporäre, Provisorische ist das zeitliche Element, das die Vorläufigkeit des Gegenstandes ausdrückt. In der Dialektik der Wahrnehmung und Falschnehmung steckt eine Spannungsbeziehung, die das kritische Bewusstsein schärft und die Axiome als Bedingung des Sehens in den Mittelpunkt des Interesses rückt.

Der qualitative Sprung vom Messbaren zum Nichtmessbaren ist der Sprung vom Mathematischen zum Metaphysischen und dient der Interpretation und dem Verstehen der Wirklichkeit.

 

Euklidische, Hyperbolische und Sphärische Geometrie

 

In der Sinnesphysiologie wurde der Sehraum bereits als nichteuklidisch beschrieben und wissenschaftlich nachgewiesen. Diese Tatsache veranlasste Helmholtz, die Wahrnehmungslehre als Treffpunkt von Naturwissenschaften und Philosophie zu bezeichnen.  Helmholtz erkannte, dass die Sehdinge als Zeichen (Lokalzeichen) zu definieren sind und dass das Auge kein Abbildungsorgan der Wirklichkeit ist. Hierdurch wurde die Informationstheorie bereits antizipiert. Ein zweiter Beitrag der Sinnesphysiologie zur Kunst kam von Ernst Mach: Er widerlegte die Theorie Newtons vom absoluten Raum und von der absoluten Zeit. Seine sinnesphysiologischen Experimente bestätigten die Relativität von Raum und Zeit, wodurch der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins der Weg geebnet wurde. 

 

 

Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz 1821 - 1894

Ernst Mach 1838 - 1916

 

Der Beitrag der Sinnesphysiologie zur Ästhetik ist die Darstellung der Voraussetzungen unter denen reale und irreale sensitive Prozesse stattfinden.  Die Abstraktion besteht nicht im Verschwinden des Gegenstandes, sondern in der Aufhellung der Axiome und ihrer Schlussfolgerungen. Mit anderen Worten: sie definiert die Bedeutung der geometrischen Grundelemente, Punkt, Linie, Fläche, Winkel usw.. Einerseits deduziert sie von oben nach unten, andererseits induziert sie die Bestandteile zu einer Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit des Sehens und der Wahrnehmungen. Hiermit werden die Grundsteine der Gestalttheorie gelegt, ohne die Einzelheiten der Sehelemente zu ignorieren. Man kann diese Position als strukturalistische, progressive Kunsttheorie sehen, die sich vom Teil zum Ganzen, vom Einfachen zum Komplexen, vom Linearen zum Nichtlinearen  bewegt. Dadurch wird die Linie als Grenze gebrochen. Diese Destruktion ermöglicht die fraktale Theorie von Raum und Zeit. Die Befreiung von diesen Limitationen ist im Rahmen der Reflexion einer Beziehung „Mensch, Natur und Technik“ zu verstehen.

 

Topologie untersucht die Eigenschaften einer Form, die unverändert bleiben, wenn die Form verändert wird (Nach David Hilbert).

Damit nähern wir uns einer ökologischen Kunsttheorie, die sich von einer formalistischen, intuitionistischen oder technischen Position der Kunstbetrachtung abhebt. Die Vorarbeit über die axiomatische Kunsttheorie  stellte die Raumtheorie in den Mittelpunkt. Die drei Grundformen der Geometrien, euklidisch, hyperbolisch und sphärisch, wurden um eine vierte Kategorie, die fraktale Raumwahrnehmung erweitert.  Durch die Beobachtungen der Patienten mit Störungen des Bewegungssehens und Objektunruhe, durch das veränderte Verhältnis von Ruhe und Bewegung, kam der Zeitfaktor ins Spiel.  Wenn ein Individuum eine Straße überqueren möchte und ein nahendes Auto in seiner Entfernung beurteilt werden muss, wird die Zeitschätzung relevant. Von dieser Kalkulation hängt subjektiv ab, ob man in der geschätzten Zeitspanne die Straße gefahrlos überqueren kann, oder ob man warten muss. Der Autofahrer geht davon aus, dass der Fußgänger die Zeit genauso schätzt wie er selbst. Eine Fehleinschätzung der Zeitlichkeit kann das Leben kosten.  

 

 

  Manfred G. Dinnes 1992: Geometrische Verwandlung des Gegenstandes von der euklidischenüber die hyperbolische und sphaerische bis hin zur meta- euklidischen Form 

 

Die Intersubjektivität der Zeitlichkeit kommt in der Art, wie ich meine Zeitempfindung  und die Zeitempfindung des anderen einschätze, zum Bewusstsein. Es kann sich entweder eine Koinzidenz oder ein Zusammenprall der Zeitphilosophien ergeben. In der Übertragung dieser unterschiedlichen Zeitauffassungen auf die Zeitempfindung ganzer Gesellschaften,  stellt sich heraus, dass im Falle der Koinzidenz Kommunikation, Verständigung und Frieden, im Falle des Aufeinanderprallens, Konflikte, Krieg und Terror die Folge sind.

 

 

Benoit B. Mandelbrot: Selbstähnlichkeit des Ganzen mit seinen Teilen, die Fraktale Geometrie

Die Auseinandersetzung der Künstler aller Epochen mit dem Zeitgeist ist ein immer wiederkehrendes und ernst zu nehmendes Thema. Kandinsky, dessen künstlerische und intellektuelle Beiträge über Punkt, Linie, Fläche weithin bekannt sind, ist ein Beispiel hierfür. Er blieb jedoch in der euklidischen Geometrie verhaftet. Seine Kompositionen sind im Grunde genommen nichts anderes als Additionen oder Summationen dieser drei Grundelemente. Sie unterscheiden sich nur durch die Topologie ihrer Anordnung voneinander.

 

Wassily Kandinsky: Composition Nr. VIII ( 1923

 

Im Gegensatz zu der Einseitigkeit der räumlich orientierten Malerei Kandinskys, hat sich Dali mit der Zeit eingehender auseinandergesetzt. Seine Uhrendarstellungen als zerrinnende, oder geronnene Zeit beruhen ausschließlich auf der Verbiegung der Linien. Über diese Grenze ist er nicht hinausgekommen.

 

Salvador Dali: The Persistence Of Memory ( 1931

 

 Max Ernst hat in seinem Bild „ Junger Mann, beunruhigt durch den Flug einer nichteuklidischen Fliege“ das Thema der nichteuklidischen Geometrie, nämlich den sphärischen  Raum, hervorragend dargestellt. Er ließ sich hierbei vom Bohr’schen Atommodell inspirieren, bei dem das elektromagnetische Feld von zentrifugalen, sprengenden Kräften bestimmt wird.

 

Max Ernst: Junger Mann, beunruhigt durch den Flug einer nichteuklidischen Fliege, 1942 und 1947

Paul Klee deutet  in seinem Bild „Zwitschermaschine“ mit zarten Linien verschiedene Raumebenen an. Mit seiner abstrakten Kunst leistete Klee - wie viele andere - Widerstand gegen den herrschenden Zeitgeist. 

 

 

Paul Klee: Die Zwitschermaschine, 1922

Die Zeittheorie von Aristoteles unterscheidet zwei Dimensionen, nämlich von Kinesis (Bewegung) und Metabole (Veränderung). Diese 2 Grundkategorien wurden in unserer axiomatischen Kunsttheorie räumlich -, in unserer Abhandlung über die Wahrnehmungspathologie  zeitlich erweitert.

Unsere Wahrnehmungstheorie als interdisziplinäre Bemühung ist eine Fortsetzung der erfolgreichen Tradition geprägt von vielen Denkern und Künstlern. In dieser Linie stehen die hervorragenden Arbeiten Kandinskys (sowohl in Theorie als auch in der Praxis) und Dalis phantastischer Surrealismus. Die Abstraktion als Vogelperspektive ermöglichte die Grenzüberschreitung vom lokalen Europa zum globalen Mittleren Osten. Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist die Erkenntnis, dass die Geometrie nicht mit Euklid als Nullpunkt der Weltgeschichte beginnt, sondern in der Keilschrift bereits ihren Ursprung hat. Die Keilschrift mit ihren unterschiedlichen sumerischen und phönizischen Ausprägungen entstand ca. 3000 Jahre vor Christus. Die Dreiwinkeligkeit, als die einfachste Form der Raumanordnung und Raumorientierung  war sowohl im Mittleren Osten, als auch in Griechenland ein Grundelement der Wahrnehmung. Beide Kulturen haben sich gegenseitig beeinflusst und befruchtet.

 

Tontafel mit Keilschrift (Ugarit) versehen, ca. 1700 vor unserer Zeitrechnung

 

Auf ähnlicher Basis entwickelte sich auch die Kooperation zwischen dem Theoretiker aus dem arabischen Raum, Dr. med. Nadim Sradj, M.A., und dem Künstler, Prof. Manfred Dinnes, aus dem europäischen Kulturraum, wobei beide jedoch die Ursprungskultur des anderen kennen und schätzen. Nadim Sradj, gebürtiger Syrer lebt seit 1956 in Deutschland; Manfred Dinnes hat die Kulturen des Nahen und Mittleren Ostens eingehend studiert und während langer Aufenthalte sowohl die Kunst als auch das menschliche Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen unmittelbar kennengelernt. Sein Zyklus über Goethes west-östlichen Diwan verdeutlicht bereits, dass Dinnes sich in beide Kulturkreise einfühlen kann und dies bildnerisch auszudrücken versteht.  

 

Manfred G. Dinnes / Nadim Sradj 1990 - 2002: POLYAXIALE CHRONOMETER

 

Die bikulturelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist in einer Zeit des Kulturkampfes als ein notwendiger und gelungener Beitrag zum Kulturdialog zu sehen, der der Völkerverständigung und dem Frieden dienen soll. Die Wahrnehmung von Raum und Zeit ist nichts anderes als die Wahrnehmung unserer gemeinsamen Welt und Natur, mit der wir behutsamer als bisher umgehen müssen.

Die Erweiterung der Grundkategorien von Raum und Zeit ist - um mit Hegel zu sprechen - Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.  

 

Bibliograhie:

 

1) Helmholtz, H.v., Handbuch der physiologischen Optik 3.Aufl. Hamburg, Leipzig 1910 S.17ff

2) Mach, E. Analyse der Empfindungen (die Zeitempfindung) Jena 1922

3) Sradj, N. Systemtherapie der Macula-Degeneration, (3. Aufl). Regensburg

4) Sradj / Dinnes et. Al. : Theorie und Praxis der Axiomatischen Kunst. Deutsches Ärzteblatt                  88. Jg. Heft 46, November 1991, S 4042

 

 

Dr. Nadim Sradj, M.A.                                                            Prof. Manfred G. Dinnes

Prüfenninger Str. 40                                                                St. Johann

D – 93 049 Regensburg                                                            D - 93 102 Pfatter

Tel.: 0 941 – 21 857                                                                  Tel.: 09 481 - 959 750

e- mail: sradj@gmx.de                                                              e- mail: dinnes@surfeu.de

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